Sonneberg zeigt Gesicht – und zwei Seiten
Es gibt Leute, die sagen, Robert Sesselmann habe zwei Gesichter. Manchmal ist er freundlich, vernünftig, harmlos. Und manchmal streng, hetzerisch, gnadenlos. Ein Jahr nach seiner Wahl als erster AfD-Landrat zeigt sich Sonneberg in einem neuen Licht.
Ein sonniger Tag in Sonneberg
Die Sonne strahlt über Sonneberg, es ist ein wunderschöner Donnerstag im Juni, Ferienbeginn in Thüringen. Junge Leute in kurzen Hosen, ältere Menschen mit Rollatoren und mittelalte Menschen mit Einkaufstüten bevölkern die Straßen. Vor dem Landratsamt spielen Kinder Fangen und singen „Döp dö dö döp“, die Melodie von Gigi D’Agostinos L’Amour toujours – eine Melodie, die ironischerweise oft für fremdenfeindliche Gesänge genutzt wurde.
Robert Sesselmann im Chefbüro
Drinnen, im Landratsamt, sitzt Robert Sesselmann in einem unscheinbaren Büro mit hellgelben Wänden und einem Blumenstillleben. Er spricht über Migrationspolitik und betont: „Es ist wichtig, dass man Menschen hilft, die auf der Flucht sind. Das gebietet die Humanität.“ Ein Buch im Regal mit dem Titel „Haushaltskonsolidierung in Kommunen“ steht neben „George Soros’ Krieg“, einem Werk aus dem rechtspopulistischen Kopp-Verlag.
Ein Balanceakt der Worte
Sesselmann wechselt schnell die Töne: „Es gibt ja die Definition aus dem linken Sektor, dass kein Mensch illegal ist. Aber wenn das Boot übervoll ist, dann muss ich doch dafür sorgen, dass keiner mehr raufkann.“ Mit diesen Worten zeigt sich seine rigorose Seite: „Ich kann nicht das Weltsozialamt spielen.“
Der erste AfD-Landrat: Ein Jahr danach
Vor einem Jahr wurde Robert Sesselmann, 51, zum Landrat von Sonneberg gewählt. Ein historischer Sieg für die AfD, die sich in Thüringen zunehmend Hoffnung macht, an die Macht zu kommen. Thüringens Parteichef Björn Höcke nannte es ein „politisches Wetterleuchten“, Bundesvorsitzender Tino Chrupalla sprach vom „Beginn des Einsturzes der Brandmauer“.
Sesselmann im Alltag
Am Abend seiner Vereidigung sitzt Sesselmann in seinem Garten, öffnet ein Bier und sinniert über seinen neuen Job. „Ich löse die großen bundespolitischen Probleme doch nicht in unserem kleinen Landkreis!“ Stattdessen beschäftigt er sich mit alltäglichen Themen wie Straßensanierungen und Gebäudeleerstand.
Politische Realitäten und Einschränkungen
Ein Landrat hat begrenzte Möglichkeiten, zu gestalten. Sesselmann muss geltendes Recht anwenden und die Anweisungen von Bund und Land befolgen. Er versichert: „Natürlich werde ich mich an die Gesetze halten.“ Doch ob er das wirklich tun wird, bleibt eine offene Frage.
Erste Entscheidungen und Reaktionen
Am 17. Oktober 2023, entlässt Sesselmann zwei Sozialarbeiter in der Flüchtlingsunterkunft. Andreas Koch, einer der Entlassenen, sieht Parallelen zur DDR und berichtet von Misstrauen und Angst unter den Bürgern. Sesselmann gibt an, die Sozialarbeiter hätten die Zustände nicht schnell genug verbessert.
Die ersten Erfolge – und Misserfolge
In der Flüchtlingspolitik konnte Sesselmann erste Akzente setzen, jedoch nicht immer erfolgreich. Ein Versuch, Fördermittel für das Programm „Demokratie leben“ zu streichen, scheiterte am Widerstand des Kreistags. CDU-Politiker setzten sich für die Fortführung des Programms ein.
Der Widerstand formiert sich
Seit Sesselmanns Wahl formiert sich Widerstand. Die Gruppe „Sonneberg zeigt Haltung“ organisiert Proteste gegen die AfD. Petra Gundermann, ehemalige Ausländerbeauftragte des Landkreises, engagiert sich in der Flüchtlingshilfe und berichtet von Trotz und Ratlosigkeit unter den Bürgern.
Kontroverse Beziehungen
Für Schlagzeilen sorgte auch Sesselmanns Beziehung zu einer Frau, die in der Neonazi-Szene aktiv war. Sesselmann betont, sie habe sich von dieser Ideologie distanziert, was jedoch nicht alle überzeugt.
Fazit: Ein Jahr mit der AfD an der Macht
Ein Jahr nach Sesselmanns Wahl zeigt sich Sonneberg gespalten. Die AfD konnte ihre Ziele nur teilweise umsetzen. Der Alltag eines Landrats bleibt von politischen Zwängen geprägt, und Sesselmann muss sich sowohl von seinen politischen Gegnern als auch von seiner eigenen Partei behaupten.
Ob Sonneberg wirklich als Blaupause für eine AfD-geführte Zukunft dient, bleibt abzuwarten. Die Frage, was passiert, wenn die AfD das Sagen hat, wird weiterhin kontrovers diskutiert und beobachtet.
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