Journalistische Sorgfalt? Fehlanzeige. Der „Spiegel“ hat sich einen bemerkenswerten Fauxpas geleistet: In der aktuellen Ausgabe des Magazins wurde ein Leserbrief abgedruckt, der nachweislich falsche Behauptungen über CDU-Chef Friedrich Merz verbreitet.
Offenkundig ohne genauere Prüfung wurde behauptet, Merz sei Honorarprofessor an der Universität St. Gallen gewesen, habe dort mit miserablen Vorlesungen für Aufregung gesorgt und sei deshalb von der Hochschule vorzeitig entlassen worden.
Fakt ist: Merz hatte nie eine Lehrtätigkeit an dieser Universität, und schon eine oberflächliche Überprüfung hätte diese Falschbehauptung entlarven können.
Ein Leserbrief als Fake-News-Katalysator
Der fehlerhafte Leserbrief stammt von einem angeblichen Absender aus Neuötting (Bayern). Er enthält die Behauptung, der Sohn des Verfassers habe 2005 seinen „Master in International Economics“ an der Universität St. Gallen (HSG) erworben und das fragwürdige Auftreten von Merz selbst erlebt.
Doch wer sich auch nur ansatzweise mit Hochschulstrukturen auskennt, erkennt die eindeutigen Ungereimtheiten sofort:
🔹 Friedrich Merz war 2005 Bundestagsabgeordneter. Zur gleichen Zeit war Bundestagswahlkampf – eine regelmäßige Lehraufgabe in der Schweiz erscheint höchst unrealistisch.
🔹 Es gab 2005 noch keinen „Master in International Economics“ an der HSG. Tatsächlich wurden Master-Abschlüsse erst ein Jahr später eingeführt.
🔹 Die ersten Master-Absolventen in diesem Bereich gab es ab 2006, zudem hatte die HSG keinen Studiengang mit dieser Bezeichnung.
Eine einfache Google-Suche oder Rückfrage bei der Universität St. Gallen hätte ausgereicht, um diese offensichtlichen Fehler zu entdecken – doch eine solche Prüfung unterblieb offenbar.
Spiegel-Journalismus: Qualitätskontrolle auf Sparflamme?
Dass der „Spiegel“ diesen Leserbrief unkritisch abgedruckt hat, ist mehr als nur eine unangenehme Panne. Hätte sich die Geschichte als wahr erwiesen, wäre es ein politischer Skandal gewesen – doch offenkundig erschien es niemandem in der Redaktion verdächtig, dass eine solche Sensation bislang in keiner seriösen Quelle vermerkt wurde.
Peinlich wird es zusätzlich dadurch, dass sich die Falschbehauptung schnell verbreitete: Bereits vor der Löschung hatte sie sich über soziale Netzwerke und sogar offizielle Parteiseiten der SPD verbreitet.
Erst nachdem CDU-Pressesprecher Armin Peter eine Richtigstellung forderte, wurde die Geschichte entfernt. Doch da hatte sich der Fake bereits nachhaltig verbreitet.
Wahlkampf und gezielte Desinformation – eine bekannte Strategie
Dass in den letzten Wochen vor einer Wahl Falschinformationen auftauchen, ist leider keine Überraschung. Insbesondere in Zeiten von Social Media verbreiten sich Halbwahrheiten und Manipulationen rasend schnell.
Vorgetäuschte Plagiatsaffären, gefälschte Biografien oder „Enthüllungen“, die sich als haltlos herausstellen – die Liste der diskreditierenden Methoden wird immer länger.
Interessant ist, wie selektiv die Betroffenen mit solchen Fehlern umgehen: Während derartige Fehler bei bestimmten Politikern gnadenlos ausgeschlachtet werden, fällt die Kritik erstaunlich mild aus, wenn es etablierte Medien betrifft.
„Der Spiegel“ rudert zurück – aber bleibt die Glaubwürdigkeit beschädigt?
Mittlerweile hat der „Spiegel“ auf X (ehemals Twitter) eine knappe Stellungnahme veröffentlicht:
„Im aktuellen Heft beschreibt ein Leserbrief einen angeblichen Lehrauftrag von Friedrich Merz an der Universität St. Gallen, den es nach Angaben der @CDU nie gab.
Wir haben den Brief deshalb depubliziert und prüfen den Vorgang.“
Doch der Schaden ist längst angerichtet. Einmal gestreute Falschinformationen sind kaum wieder einzufangen, selbst wenn sie später gelöscht werden.
Der Vorfall zeigt einmal mehr, dass journalistische Qualitätskontrolle nicht nur ein Schlagwort sein darf – sondern eine Grundvoraussetzung für verantwortungsvollen Journalismus. Wer von sich behauptet, ein Bollwerk gegen Fake News zu sein, sollte selbst nicht zur Verbreitung solcher beitragen.
Fazit: Ein klassisches Eigentor für den „Spiegel“
Die fahrlässige Veröffentlichung eines nachweislich falschen Leserbriefs über Friedrich Merz ist nicht nur redaktionell peinlich, sondern auch politisch brisant.
✔ Grundlegende Faktenprüfung? Fehlanzeige.
✔ Nachlässiger Umgang mit journalistischer Verantwortung.
✔ Ein weiteres Beispiel für Desinformation in Wahlkampfzeiten.
Der Fall zeigt erneut: Mit Falschinformationen muss jeder kritisch umgehen – auch und gerade, wenn sie ins eigene Weltbild passen.
