Am 15. Februar 2025 ist Gerhart Baum im Alter von 92 Jahren verstorben. Mit ihm verliert Deutschland eine der prägendsten Persönlichkeiten des linksliberalen Flügels der FDP – einen unerschütterlichen Kämpfer für Bürgerrechte, Demokratie und eine offene Gesellschaft. Sein politisches Wirken bleibt ein leuchtendes Beispiel für Standhaftigkeit in Zeiten des gesellschaftlichen Wandels und des politischen Opportunismus.
Ein unbequemer Liberaler in der eigenen Partei
Baum, geboren 1932 in Dresden, trat bereits 1954 der FDP bei – einer Partei, die sich damals noch stärker als heute ihrer eigentlichen Essenz, dem Liberalismus, verpflichtet fühlte. Unter Bundeskanzler Helmut Schmidt diente er von 1978 bis 1982 als Bundesinnenminister und setzte entscheidende Akzente in der Rechts- und Innenpolitik.
Vor allem war er jedoch eine Stimme der Vernunft – innerhalb und außerhalb seiner Partei. Als führendes Mitglied des sozialliberalen Freiburger Kreises lehnte er den neoliberalen Kurs der FDP nach der Wende zur CDU 1982 ab, blieb aber – unerschüttert in seinen Überzeugungen – Mitglied. Gerade weil er sich gegen die marktradikale Entfremdung der Partei stellte, galt er vielen als unbequem. Aber er war ein Demokrat, der für seine Werte stritt – eine Eigenschaft, die heutzutage schmerzlich vermisst wird.
Juristisches Schaffen: Schutz der Bürgerrechte vor staatlicher Übergriffigkeit
Baums Wirken beschränkte sich nicht auf den Parteiapparat oder parlamentarische Debatten. Sein Engagement setzte sich auch nach seinem Ausscheiden aus dem Bundestag 1994 fort – insbesondere durch seine juristische Arbeit. Er war kein Politiker, der sich nach dem Ruhestand ins Private zurückzog, sondern blieb ein Schauspieler auf der Bühne des politischen Diskurses.
Zentral waren dabei seine Verfassungsbeschwerden: Der sogenannte Große Lauschangriff wurde durch seinen Einsatz erheblich begrenzt. Seiner Beharrlichkeit ist es zu verdanken, dass staatliche Willkür nicht unbegrenzt in die Privatsphäre der Bürger eingreifen durfte. Er kämpfte für Opfer des Ramstein-Unglücks und der Loveparade-Katastrophe sowie für ehemalige sowjetische Zwangsarbeiter – stets geleitet vom fundamentalen Gedanken der Rechtsstaatlichkeit und Menschlichkeit.
Ein vehementer Gegner des Rechtsextremismus
In den letzten Jahren zeigte sich Baum zunehmend beunruhigt über den Aufstieg der AfD und die wachsende Bedrohung durch den Rechtsextremismus. Er erkannte, was manche bis heute nicht wahrhaben wollen: Deutschland steht vor der größten demokratischen Herausforderung seit 1945.
Er warnte eindringlich vor der gefährlichen Radikalisierung rechter Kreise und der Normalisierung völkischer Narrative. Während andere verharmlosten oder taktierten, um bestimmte Wählergruppen nicht zu verlieren, sprach Baum aus, was offensichtlich war: Die politische Landschaft bewegt sich auf einem schmalen Grat zwischen demokratischer Stabilität und autoritärer Tendenz.
Seine Überzeugung: Auch wenn Gefahren bestehen, ist Panikmache fehl am Platz. Deutschland sei eine gefestigte Demokratie – aber eben auch eine, für die man kontinuierlich kämpfen müsse. Seine Worte sind Mahnung und Auftrag zugleich.
Ein Erbe, das verpflichtet
Christian Lindner bezeichnete Baum als „eine der kräftigsten Stimmen für Freiheit, Menschenrechte und Demokratie“. Ein schönes Zitat – doch würde Baum sich wirklich in der heutigen FDP wiederfinden? Zweifel sind erlaubt. Denn die Partei, in der er wirken konnte, existiert in dieser Form kaum noch. Baum war kein wirtschaftsliberaler Technokrat, sondern ein Sozialliberaler, der verstanden hat, dass Freiheit nur dann Bestand hat, wenn sie nicht der Marktlogik geopfert wird.
Sein Tod ist ein Verlust – sein Vermächtnis aber bleibt. Es liegt an uns, seine Ideale zu bewahren. Denn eines ist sicher: Demokratien sterben nicht durch einen plötzlichen Staatsstreich, sondern durch Gleichgültigkeit.
Ruhe in Frieden, Gerhart Baum. Dein Kampf war nicht umsonst.
