Deutschland leidet unter einer massiven Wohnungsnot. Während Mieterinnen und Mieter verzweifelt bezahlbare Wohnungen suchen, schießen neue Hotels wie Pilze aus dem Boden. Was zunächst paradox erscheint, offenbart beim genaueren Hinsehen ein wirtschaftliches Systemversagen – getrieben von Investoreninteressen, kommunalen Fehlanreizen und einer klaren Priorisierung von Profit über soziale Notwendigkeiten.
Das Phänomen: Hotels statt Wohnungen
Wer durch deutsche Städte schlendert, begegnet ihnen überall: neue Hotelbauten mit monotonen Fassaden, zweckmäßiger Gestaltung und wenig städtebaulichem Mehrwert. Während der Wohnungsmarkt für viele Menschen unerschwinglich geworden ist, entstehen parallel immer neue Hotelketten, oft an gut erschlossenen Standorten.
Die Zahlen sind eindeutig: Allein im Jahr 2024 sollen deutschlandweit 135 neue Hotels mit insgesamt 20.000 Zimmern eröffnet werden. In Mainz beispielsweise wurden in den letzten Jahren 1.000 neue Hotelbetten geschaffen. Gleichzeitig sind bezahlbare Wohnungen Mangelware – in Mainz, in Berlin, in München, bundesweit.
Das Problem? Die Immobilienbranche erkennt Renditechancen in Hotels, die weit über denen klassischer Mietobjekte liegen. Während Wohngebäude eine Mietrendite von durchschnittlich 3,5 Prozent erzielen, versprechen Hotels über fünf Prozent – ein lukratives Geschäft, das von institutionellen und inzwischen auch privaten Investoren zunehmend genutzt wird.
Warum investieren Städte und Investoren lieber in Hotels?
Es gibt mehrere Gründe, warum Städte und Investoren lieber Hotels als Wohnungen entwickeln:
1. Höhere Profite durch flexible Preisgestaltung
Mieterinnen und Mieter zahlen einen festgelegten Mietpreis – oftmals durch gesetzliche Regelungen begrenzt. Hotels hingegen können ihre Preise dynamisch anpassen. Bei Messezeiten, Festivals oder Großveranstaltungen explodieren die Zimmerpreise – eine Möglichkeit der Gewinnmaximierung, die im Wohnungsmarkt so nicht existiert.
2. Städte profitieren finanziell mehr von Hotels
Kommunen sind keineswegs unschuldige Beobachter in diesem Spiel. Hotels bringen nicht nur Gewerbesteuereinnahmen, sondern oft zusätzlich Beherbergungsabgaben und locken touristische Besucher an, die bestenfalls Konsum und Wirtschaftswachstum mit sich bringen. Dass dabei die eigene Bevölkerung zunehmend an die städtische Peripherie oder gleich ganz aus der Stadt verdrängt wird, scheint zweitrangig.
3. Lieber Hotelturm statt Sozialwohnung
Sozialer Wohnungsbau ist für Investoren wenig attraktiv. Begrenzte Mietpreise, lange Amortisationszeiten und ein hoher Verwaltungsaufwand schrecken ab. Ein Hotel lässt sich leichter refinanzieren, zudem bieten steuerliche Gestaltungsmöglichkeiten Möglichkeiten zur Optimierung der Rendite. Dass sich Anleger inzwischen auch mit kleinem Budget über Teilinvestitionen an Hotels beteiligen können, verstärkt den Boom weiter.
Die Konsequenzen: Verdrängung, soziale Spaltung, Spekulation
Die massive Expansion der Hotelbranche hat weitreichende gesellschaftliche Folgen:
- Wohnraum wird zunehmend verknappt, weil Flächen für profitable Hotelprojekte genutzt werden statt für Mietwohnungen – insbesondere sozialen Wohnungsbau.
- Menschen mit geringem Einkommen werden verdrängt und müssen in teurere Randbezirke oder gar andere Städte ausweichen.
- Spekulation dominiert den Immobilienmarkt, da immer mehr Anleger Hotels als krisensichere Anlageklasse entdecken.
Die Städte befinden sich hier in einem toxischen Spannungsfeld zwischen wirtschaftlichen Interessen und gesellschaftlicher Verantwortung. Wer den eigenen Einwohnern keinen bezahlbaren Wohnraum bieten kann, aber gleichzeitig immer mehr Hotelkapazitäten schafft, betreibt eine Politik der sozialen Spaltung – mit langfristig fatalen Folgen für das soziale Gefüge.
Städte im Dilemma – aber Alternativen sind möglich
Dass Hotelboom und Wohnungsnot nicht zwingend Hand in Hand gehen müssen, beweisen Städte, die aktiv gegensteuern.
- Striktere Bauvorgaben und Flächennutzungspläne
Kommunen haben durchaus Steuerungsmöglichkeiten: In Baugenehmigungen könnten klare Vorgaben gemacht werden, etwa eine Mindestquote für sozialen Wohnraum bei Großprojekten. Die Realität sieht jedoch anders aus – vielerorts wird eher darauf geachtet, Investoren nicht zu verprellen. - Nutzung bestehender Hotelbauten für Wohnen forcieren
Nicht jedes Hotel überlebt den harten Wettbewerb. Leerstehende Hotelbauten könnten durch gezielte Umnutzung in dringend benötigten Wohnraum umgewandelt werden, anstatt als spekulative Leerstände zu verfallen. - Renditeorientierung durch gemeinwohlorientierte Projekte durchbrechen
Mietwohnungen müssen nicht automatisch unrentabel sein. Städte könnten vermehrt auf genossenschaftliche Modelle oder staatlich geförderte Wohnkonzepte setzen, statt nahezu blind Investoreninteressen zu bedienen.
Fazit: Wem gehört die Stadt?
Letztendlich stellt sich eine grundlegende Frage: Wem gehört die Stadt? Werden Flächen genutzt, um den Menschen, die dort leben, ein Zuhause zu geben – oder geht es primär darum, eine möglichst hohe Rendite für Anleger zu generieren?
Die aktuelle Entwicklung lässt nur eine Schlussfolgerung zu: Der Wohnungsbau wird in Deutschland systematisch vernachlässigt, während sich Investoren an der Expansion der Hotelbranche erfreuen. Städte tragen Mitverantwortung, da sie mit Standortpolitik, steuerlichen Vorteilen und dem Versprechen touristischer Einnahmen diesen Trend unterstützen.
Was bleibt, ist eine aktive Forderung nach politischer Kurskorrektur. Kommunen dürfen sich nicht weiter an renditegetriebenen Spekulationsprojekten beteiligen, während bezahlbares Wohnen für immer mehr Menschen zum Luxusgut verkommt.
Strategien gibt es, nur fehlt vielerorts der politische Wille. Doch Stadt gehört denen, die in ihr leben – und nicht nur denen, die sie für eine Nacht besuchen.
