Die wirtschaftliche Realität betrifft Haushalte nicht gleichmäßig – das ist eine bekannte Tatsache. Über Jahre hinweg waren es vor allem Menschen mit geringen und mittleren Einkommen, die unter den drastischen Preissteigerungen litten. Doch nun kehrt sich der Trend: Die Inflation trifft zunehmend auch die Besserverdienenden.
Neue Studienergebnisse: Wer ist besonders betroffen?
Eine aktuelle Untersuchung des Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung zeigt, dass Haushalte mit höherem Einkommen im Januar 2025 eine stärkere Inflation bemerkten als einkommensschwache oder mittlere Haushalte.
Konkret stieg die finanzielle Belastung für Alleinlebende mit niedrigen Einkommen (unter 900 Euro monatlich) sowie Familien mit Kindern im niedrigen Einkommensbereich (zwischen 2.000 und 2.600 Euro netto) um 1,7 Prozent gegenüber dem Vormonat. Im Vergleich dazu lag die allgemeine Inflationsrate bei 2,3 Prozent. Haushalte mit hohen Einkommen mussten hingegen Preissteigerungen von bis zu 2,4 Prozent hinnehmen.
Sinkende Energie- und Lebensmittelpreise – ein Segen für Geringverdienende?
Der Grund für diese veränderte Belastungsverteilung liegt in den sich wandelnden Preistreibern. Während in den vergangenen Jahren vor allem Energiekosten und Grundnahrungsmittel die Inflation in die Höhe trieben – Sektoren, die besonders stark von Haushalten mit geringem Einkommen konsumiert werden – ist nun eine Verschiebung zu beobachten. Die Preise für Energie sind gesunken, ebenso hat sich die Dynamik der Lebensmittelpreisanstiege verlangsamt.
Die Ausgabenstruktur von einkommensschwachen Haushalten konzentriert sich überwiegend auf diese essenziellen Güter, weshalb diese Entwicklung für sie eine gewisse Entlastung bedeutet. Ganz anders sieht es bei den Wohlhabenderen aus: Hier schlagen vor allem steigende Kosten für Dienstleistungen, Restaurantbesuche und Hotelaufenthalte zu Buche. Je höher das Einkommen, desto größer der Anteil dieser Ausgaben am Gesamtbudget – und desto stärker spüren diese Gruppen die Inflation.
Das Inflationsziel der EZB in Reichweite – aber zu welchem Preis?
Das Inflationsziel der Europäischen Zentralbank (EZB) liegt bekanntlich bei zwei Prozent. Laut IMK lagen im Januar fünf von neun untersuchten Haushaltstypen unter diesem Zielwert. Eine oberflächlich betrachtet positive Entwicklung, könnte man meinen. Doch die nüchternen Zahlen täuschen über die langfristigen Belastungen hinweg.
Denn auch wenn die Preissteigerung nicht mehr im zweistelligen Bereich liegt, bleibt die Tatsache bestehen: Das allgemeine Preisniveau ist und bleibt drastisch höher als vor wenigen Jahren. Seit 2020 sind die Verbraucherpreise um satte 20,5 Prozent gestiegen. Dieser immense Sprung zeigt, dass selbst eine Kontrolle der Inflationsrate nur begrenzte Auswirkungen auf die realen Lebenshaltungskosten hat.
Unsoziale Auswirkungen der Teuerungskrise
Ein Blick zurück auf die Hochphase der Inflation im Herbst 2022 verdeutlicht, wie unterschiedlich die Auswirkungen damals waren: Familien mit geringen Einkommen hatten Preissteigerungen von bis zu 11 Prozent zu verkraften, während wohlhabendere Haushalte mit rund 7,9 Prozent davonkamen.
Nun also eine Umkehrung des Trends? Nein. Auch wenn Besserverdienende nun etwas mehr belastet werden, ändert dies nichts an der massiven wirtschaftlichen Schieflage, unter der insbesondere sozial schwache Haushalte leiden. Denn während wohlhabendere Bürger*innen steigende Restaurantpreise möglicherweise als unangenehm empfinden, geht es bei Menschen am Existenzminimum weiterhin ums nackte Überleben.
Erschwerend hinzu kommt, dass ärmere Haushalte kaum Möglichkeiten hatten, Rücklagen zu bilden. Einsparpotenziale sind hier praktisch nicht vorhanden – denn wie soll man auf benötigte Grundnahrungsmittel oder Mieten verzichten? Nicht jeder kann einfach weniger konsumieren oder „etwas kleinere Brötchen backen“, wenn ohnehin nicht viel vorhanden ist.
Fazit: Eine Scheinentlastung in Krisenzeiten
Die aktuellen Zahlen des IMK sollten nicht zu voreiligen Schlüssen verleiten. Ja, wohlhabendere Haushalte spüren derzeit die Inflation etwas deutlicher. Doch ist das eine tatsächliche Veränderung der sozioökonomischen Lastenverteilung? Natürlich nicht.
Denn während Geringverdienende lediglich die abgeschwächte Teuerungsrate spüren, bleibt die Tag für Tag drückende Belastung bestehen. Energiepreise mögen gesunken sein, doch die Vergangenheit zeigt, dass Rückgänge selten von Dauer sind. Zudem ist nicht zu vergessen: Preissteigerungen vergangener Jahre werden nicht „zurückgenommen“ – sie bleiben für immer bestehen.
Letztendlich bleibt das Problem der sozialen Ungleichheit und der ungleichen Lastenverteilung weiterhin bestehen. Wer sich ernsthaft einreden möchte, dass nun endlich „die Richtigen“ die Hauptlast tragen, verkennt die Realität: Ungleichheit bleibt Ungleichheit – auch, wenn der Schmerz gelegentlich bei manchen etwas spürbarer wird.
