Kritik am Würzburger Lehrstuhl für Neueste Geschichte: Diskursverschiebung oder politisch motivierte Kampagne?

An der Universität Würzburg brodelt es – Studentinnen und Studenten werfen dem Lehrstuhl für Neueste Geschichte eine „neurechte Diskursverschiebung“ vor. In einer einstimmigen Resolution des Studierendenparlaments wird dem Lehrstuhl vorgeworfen, systematisch politische Färbungen und Auslassungen vorzunehmen, die das Lehrangebot in den Bereich der „Neuen Rechten“ drängen. Diese Vorwürfe stützen sich unter anderem auf Hinweise, wonach der habilitierte Historiker und Buchautor Benjamin Hasselhorn – ehemals unter einem Pseudonym im rechten Magazin „Sezession“ publiziert – in Verbindung zu offen rechtsextremen Kreisen gebracht wird. Das Institut für Staatspolitik, das die Zeitschrift herausgab, wurde vom Verfassungsschutz als rechtsextrem eingestuft und bereits aufgelöst.

Die Vorwürfe im Detail

Das Studierendenparlament wirft dem Lehrstuhl vor, dass in der Lehre „politische Färbungen“ und selektive Auslassungen stattfinden. Insbesondere kritisieren die Studierenden, dass in der Lehrveranstaltungspalette – insbesondere für Lehramtsstudierende – seit Sommer 2019 keine Veranstaltung einen Schwerpunkt auf die Shoah gesetzt hat. Angesichts des millionenfachen Mordes an Juden im Zweiten Weltkrieg sei dies ein gravierender Verstoß gegen die historischen Aufarbeitungsaufgaben und die Anforderungen an die Wissenschaftsfreiheit.

Weiterhin wird behauptet, dass der Lehrstuhl der sogenannten „Neuen Rechten“ nahesteht – einem informellen Netzwerk, das nationalkonservative bis rechtsextreme Kräfte vereint und eine Kulturrevolution von rechts anstrebt. In diesem Zusammenhang räumte Benjamin Hasselhorn mittlerweile ein, dass er vor elf Jahren unter einem Pseudonym Texte für das Magazin „Sezession“ verfasst habe. Er betont jedoch, dass er den Kontakt zu dieser Publikation abgebrochen habe, sobald ihm 2014 klar wurde, dass sich deren inhaltliche Ausrichtung in eine Richtung entwickelte, mit der er sich nicht identifizieren könne.

Reaktionen des Lehrstuhlinhabers und der Universität

Professor Peter Hoeres, Inhaber des Lehrstuhls, weist die Vorwürfe vehement zurück und bezeichnet sie als politisch motivierte Kampagne – eine „Verschwörungstheorie“, die auf einer Fehlinterpretation wissenschaftlicher Freiheit beruhe. Er betont, dass an seinem Lehrstuhl vielfältige politische Richtungen vertreten seien, wobei Sozialdemokraten, Liberale und Konservative gleichermaßen zugegen sind. Zudem wird in den Lehrveranstaltungen regelmäßig das Thema Nationalsozialismus und Holocaust behandelt – anders als in schulischen Lehrplänen, wo es verbindliche Vorgaben gebe. Hoeres, der selbst einen katholischen Hintergrund hat und sich nachdrücklich gegen Antisemitismus engagiert, bekennt sich klar zur freiheitlich-demokratischen Grundordnung und fühlt sich dem Beutelsbacher Konsens verpflichtet.

Die Universität Würzburg betont in einem knappen Kodex, dass Wissenschaft plural und divers ist und dass eine systematische Fehlinterpretation oder Selektion von Ergebnissen – mit dem Ziel, ein vorgefasstes Resultat zu erzielen – nicht toleriert wird. Die Vorwürfe des Studierendenparlaments sollen nun durch interne Untersuchungen geprüft werden.

Fazit

Die Debatte um den Lehrstuhl für Neueste Geschichte an der Universität Würzburg zeigt, wie heikel die Grenzen zwischen akademischer Freiheit und politischer Instrumentalisierung sein können. Während das Studierendenparlament eine neurechte Diskursverschiebung bemängelt und eine Erweiterung des Lehrangebots fordert – insbesondere zur Aufarbeitung der Shoah – sieht sich der Lehrstuhlinhaber in einer politisch motivierten Kampagne, die darauf abzielt, sein Lehrkonzept zu diskreditieren. Unabhängig von der Position der Beteiligten bleibt festzuhalten: Wissenschaftliche Arbeit muss sich stets an den Prinzipien der objektiven Forschung und der freiheitlich-demokratischen Grundordnung orientieren.

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