Wegfall der Familienreservierung bei der Deutschen Bahn – Ein Signal in die falsche Richtung?

Ab dem kommenden Fahrplanwechsel am Sonntag fällt ein kundenfreundliches Angebot der Deutschen Bahn ohne viel Aufhebens weg – und das ausgerechnet zulasten jener, die unsere Gesellschaft als besonders schützenswert betrachtet: Familien mit Kindern. Die sogenannte Familienreservierung, bislang eine Möglichkeit, für bis zu fünf Personen gemeinsam und vergünstigt Sitzplätze zu buchen, wird abgeschafft. Künftig muss für jedes Familienmitglied, auch für Kleinkinder, eine separate Sitzplatzreservierung bezahlt werden.

Was bedeutet das konkret?

Für eine Familie mit zwei Erwachsenen und zwei Kindern steigen die Kosten für eine einfache Reservierung von bislang 10,40 € auf nun 22 €. Im Falle einer Hin- und Rückfahrt summiert sich das auf stolze 44 € – Zusatzkosten, die in Zeiten anhaltender Inflation und wachsender sozialer Ungleichheit nicht trivial sind. Gerade Familien mit beschränktem Einkommen dürften sich künftig zwei Mal überlegen, ob sie auf die Bahn setzen – oder doch wieder ins Auto steigen. Eine fatale verkehrspolitische und klimapolitische Signalwirkung.

Kritik aus der Zivilgesellschaft: Zu Recht!

Auch Verkehrs- und Fahrgastverbände äußerten sich umgehend kritisch. Der ökologische Verkehrsclub Deutschland (VCD) bezeichnete die Maßnahme als „de facto erneute Preiserhöhung“. Kerstin Haarmann, Bundesvorsitzende des VCD, fordert von der Deutschen Bahn ein Umdenken: „Gerade Familien mit Kindern sind auf reservierte Sitzplätze angewiesen.“ Die Abschaffung des vergünstigten Angebots sei ein Rückschritt – sowohl für den Klimaschutz als auch für soziale Mobilität.

Der Fahrgastverband Pro Bahn kritisiert, dass durch die Verteuerung umweltfreundliches Reisen für Familien immer unattraktiver werde. Statt einer ökologisch motivierten Verlagerung des Verkehrs hin zur Bahn – wie es politisch so gerne proklamiert wird – stehen wir vor einer monetär bedingten Rückverlagerung auf den Individualverkehr. Jörg Bruchertseifer von Pro Bahn appelliert daher an die Politik und insbesondere an das Bundesverkehrsministerium, als Eigentümer der Bahn, steuernd einzugreifen.

Deutsche Bahn argumentiert – wenig überzeugend

Die Deutsche Bahn selbst versucht, den Schritt mit einer gewissen Nonchalance zu rationalisieren. Man verweist darauf, dass Kinder bis 14 Jahren in Begleitung eines Erwachsenen weiterhin kostenfrei reisen dürften. Und weil die bisherige Preisstruktur für Familien in etwa zwei regulären Reservierungen entsprochen habe, seien die Unterschiede nur „marginal groß“. Doch dieser Argumentation fehlt nicht nur Empathie, sondern auch Verständnis für sozialpolitische Verantwortung.

Die Zahlen sprechen eine klare Sprache: Fünf Prozent aller Fernreisenden nutzten 2023 die Familienreservierung – bei 133 Millionen Fahrgästen entspricht das rund 6,7 Millionen Menschen. Die Maßnahme betrifft also keineswegs eine vernachlässigbare Randgruppe, sondern hat ernsthafte Auswirkungen auf einen relevanten Teil der Kundschaft.

Fazit: Falsche Weichenstellung zu Lasten der Familien

Statt Familien zu fördern, werden sie finanziell stärker belastet. Ein wirtschaftlich motivierter Schritt, der auf betriebswirtschaftlicher Ebene vielleicht Sinn ergeben mag, doch in der Summe eine politökonomisch kurzsichtige und sozial missachtende Entscheidung ist. Das Auseinanderdriften von verkehrspolitischem Anspruch und tatsächlichem Handeln könnte kaum deutlicher sein.

Die Verantwortung ruft: Wer familienfreundliche Mobilität sagt, muss auch bereit sein, diese bezahlbar und planbar zu gestalten. Wer den ÖPNV als klimafreundliche Zukunftsinfrastruktur bezeichnet, muss auch konsequent in dessen soziale Fairness investieren. Und wer öffentlichkeitswirksam Nachhaltigkeit predigt, sollte sie gerade bei solchen Detailentscheidungen auch leben – nicht abschaffen.

Die Bahn braucht Vertrauen, kein Misstrauen. Und ganz sicher: keine stillschweigenden Preisschikanen für Menschen mit Kindern.

— Verfasst für https://wasserpuncher.blog
Autorenprofil: Redaktion Wasserpuncher – Klar. Faktisch. Antifaschistisch.

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