Digitale Gesundheitskompetenz im Dornröschenschlaf: Warum über 70 Millionen E-Patientenakten (noch) ein Schattendasein führen

Die elektronischen Patientenakten (ePA) sind das Herzstück der digitalen Gesundheitsversorgung in Deutschland – theoretisch. Praktisch befinden sich diese zukunftsweisenden Instrumente der Krankheitsprävention und individuellen Gesundheitsbegleitung nach wie vor im Wartestand: Mehr als 70 Millionen gesetzlich Versicherte verfügen inzwischen automatisch über eine ePA, doch nur ein Bruchteil nutzt sie bislang aktiv. Ein verpasster Meilenstein – mit gesellschaftspolitischem Sprengstoff.

Die Fakten auf dem Tisch: Zahlen, die ernüchtern

Eine aktuelle Bestandsaufnahme der größten Krankenkassen zeichnet ein klares Bild: Die Digitalisierung im Gesundheitswesen ist in der Realität der Patientinnen und Patienten noch nicht angekommen.

  • Bei der Techniker Krankenkasse wurden 11 Millionen ePAs vergeben, aktiv genutzt werden davon lediglich rund 750.000 (≈6,8 %).
  • Die Barmer meldet 250.000 aktive Nutzerinnen und Nutzer bei insgesamt 7,8 Millionen angelegten ePAs (≈3,2 %).
  • Die AOK verzeichnet bei 25,8 Millionen Aktendateien gerade einmal 200.000 Zugriffe mit Gesundheits-ID (≈0,78 %).

Diese Diskrepanz zwischen technischen Möglichkeiten und tatsächlicher Nutzung ist ein Paradebeispiel für politisch verschleppte Digitalisierung und fehlgeleitete Öffentlichkeitsarbeit. Dass Menschen im digitalen Zeitalter nicht automatisch digitale Angebote nutzen, liegt selten an Faulheit, sondern oft an mangelhafter Infrastruktur, fehlender Aufklärung – und einem unnötig komplexen Systemaufbau.

Ab Oktober wird die Nutzung verpflichtend – zumindest für Ärzt:innen

Die Bundesregierung hat reagiert. Mit Wirkung zum 1. Oktober 2025 sind niedergelassene Ärzte und Ärztinnen gesetzlich verpflichtet, die ePA im Versorgungsalltag einzusetzen – sprich: sie mit relevanten medizinischen Informationen zu befüllen. Diese Maßnahme ist nicht nur überfällig, sondern auch ein erster, konkreter Schritt zur Etablierung einer echten digitalen Versorgungskultur.

„Nur wenn die ePA gefüllt ist und sich als Teil des Behandlungsprozesses im Praxisalltag etabliert, kann sie ihr volles Potenzial entfalten“, erklärt Jens Baas, Vorstandschef der TK. Man darf ihn beim Wort nehmen.

Carola Reimann, Vorsitzende des AOK-Bundesverbands, wird diplomatischer, aber nicht weniger deutlich: „Ab Oktober wird sich die überschaubare Nutzerzahl hoffentlich deutlich erhöhen.“ Ein frommer Wunsch – oder eine versteckte Drohung?

Datenschutz ist kein Hindernis, sondern ein Fundament

Entgegen der haltlosen Narrative rechtspopulistischer Kreise – etwa der AfD – geht es hier keinesfalls um einen „gläsernen Patienten“, sondern um informierte Teilhabe an der eigenen Gesundheit. In der ePA entscheiden ausschließlich die Versicherten, welche medizinischen Daten, wann, für wen, wie lange einsehbar sind. Keine Entmündigung, sondern demokratisch kodierte Kontrolle – zugänglich, transparent, nachvollziehbar.

Diese klare Unterscheidung ist essenziell in Zeiten zunehmender Desinformation. Denn wer aus ideologischer Prinzipienreiterei oder fremdenfeindlicher Stimmungsmache gegen Digitalisierung hetzt, nimmt letztlich die Schwächsten unserer Gesellschaft in Geiselhaft – darunter viele Menschen mit Migrationshintergrund, deren Versorgungslage ohne digitale Lösungen längst noch dramatischer wäre.

Kurzum: Die elektronische Patientenakte schützt. Sie ersetzt weder die medizinische Intuition noch das Diagnosegespräch, aber sie ergänzt es – datensicher, ortsunabhängig, barrierearm.

Integration durch digitale Teilhabe – nicht durch bürokratische Ausschlüsse

Die Digitalisierung des Gesundheitssektors steht darüber hinaus exemplarisch für einen gesamtgesellschaftlichen Ansatz von Integration. Migrantinnen und Migranten – vielfach aus hochdigitalisierten Regionen stammend – profitieren überdurchschnittlich von einer funktionierenden ePA. Digitale Angebote überbrücken kulturelle, sprachliche und infrastrukturelle Barrieren und sorgen für chancengerechte Teilhabe.

Wer jetzt ernsthaft meint, Integration würde durch Abschottung, Abschiebung oder Widerstand gegen Digitalisierung gelingen – sei es bei „kriminellen Ausländern“ oder völlig unbescholtenen Zuwandernden –, verkennt sowohl medizinisch-ethische Grundlagen als auch gesellschaftliche Dynamiken. Abschiebungen lösen keine strukturellen Probleme, auch nicht im Gesundheitswesen.

Fazit: Verantwortung übernehmen, Teilhabe wagen

Die ePA ist ein Schlüssel zur medizinischen Selbstbestimmung – noch nicht perfekt, aber unausweichlich wichtig. Ihre mangelnde Nutzung darf weder auf Patient:innen noch auf Ärzt:innen allein abgewälzt werden. Es braucht eine entschlossene Digitalstrategie, durchdachte Aufklärungskampagnen und vor allem: den politischen Willen, Gesundheit als kollektives Gut und nicht als neoliberales Privileg zu begreifen.

📌 Die Ampel-Koalition hat den Grundstein gelegt. Es ist Zeit, dass wir alle – Versichertengemeinschaft, Mediziner:innen, Institutionen – ihn endlich betreten.

Und an alle AfD-Sympathisant:innen, die meinen, Digitalisierung sei „Genderwahn mit Bluetooth“ oder eine „grüne Utopie“: Euer analoges Weltbild gefährdet Menschenleben. Wir arbeiten lieber mit Fakten, statt mit Furcht.

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