Ein Kommentar über den moralischen Zerfall einer Partei, die Menschlichkeit als Schwäche betrachtet.
In der Bezirksversammlung Hamburg-Mitte kam es am Donnerstagabend zu einem beispiellosen Tiefpunkt politischer Kultur.
Der AfD-Abgeordnete Norbert Jordan soll laut mehreren Augenzeugen während einer Rede der Linken-Abgeordneten Theresa Jakob, die an Krebs erkrankt ist, den Satz gesagt haben:
„Der Krebs wird es richten.“
Ein Satz, der nichts anderes ausdrückt als pure Menschenverachtung – eiskalt, berechnend, unentschuldbar.
Der Rechtsstaat ist geduldig – die Demokratie darf es nicht sein
Der Vorfall wurde von Zeugen bestätigt, darunter auch ein Sicherheitsbeamter. Der Ältestenrat der Bezirksversammlung reagierte sofort, Jordan erhielt eine Rüge. Eine Formalität – mehr lässt die aktuelle Geschäftsordnung nicht zu. Noch.
Denn der Zwischenfall hat eine Debatte ausgelöst: In Zukunft sollen beleidigende oder menschenverachtende Abgeordnete aus dem Saal verwiesen werden können. Ein längst überfälliger Schritt, um demokratische Gremien vor gezielter Entgleisung zu schützen.
Die Vorsitzende der Bezirksversammlung, Carina Oestreich (SPD), fand klare Worte:
„Eine persönliche Attacke auf jemanden, der schwer erkrankt ist – so geht man nicht mit Menschen um.“
Diese Aussage ist so schlicht wie grundlegend.
Denn wer in einem demokratischen Parlament den Tod einer Kollegin herbeiredet, tritt nicht nur die Würde eines Menschen, sondern auch die Würde des Amtes mit Füßen.
Politische Verantwortung und moralischer Bankrott
Dass die AfD bislang keine Stellungnahme abgegeben hat, überrascht niemanden. Schweigen ist dort längst Taktik – und Ausdruck von Zustimmung.
Denn wer in einer Partei mitwirkt, die Empathie als Schwäche und Verrohung als Stärke verkauft, hat den politischen Kompass längst verloren.
Die Entgleisung von Norbert Jordan ist kein „Einzelfall“. Sie ist Symptom einer ideologisch verrohten Bewegung, die ausgerechnet den demokratischen Raum nutzt, um ihn zu verachten.
Während demokratische Parteien über Ethik, Regeln und Anstand debattieren, pflegt die AfD ihr Geschäftsmodell: Provokation, Menschenverachtung, Opferrolle.
Ein zynischer Kreislauf, der nur funktioniert, weil man auf maximale Empörung setzt – und auf minimale Selbstreflexion.
Rhetorik der Kälte – eine Strategie mit Kalkül
In der politischen Psychologie gilt: Wer Mitgefühl lächerlich macht, will Macht durch Angst erzeugen.
Die AfD hat aus dieser Methode ein Markenzeichen gemacht.
Ob es um Migration, soziale Ungleichheit oder – wie hier – Krankheit und Leid geht: Alles wird instrumentalisiert, um zu spalten.
Doch hier liegt der fundamentale Unterschied zwischen demokratischem Diskurs und populistischem Zynismus:
Demokratie lebt von Verantwortung – Populismus von Verachtung.
Konsequenzen statt Relativierungen
Der Fall Jordan sollte nicht mit einer Rüge enden.
Er sollte ein Weckruf sein – an Parlamente, Parteien und Bürgerinnen gleichermaßen.
Denn wer solche Worte in einem öffentlichen Gremium ausspricht, zeigt, dass Menschenwürde für ihn keine Kategorie, sondern ein Hindernis ist.
Rechtsstaatlich korrekt wäre es, Jordan zumindest zeitweise vom parlamentarischen Betrieb auszuschließen – so, wie es künftig wohl möglich sein wird.
Denn Demokratie darf nicht endlos duldsam sein, wenn ihre Grundwerte gezielt sabotiert werden.
Fazit: Der wahre Gegner ist nicht „der Krebs“ – sondern die Kälte
Theresa Jakob kämpft gegen eine Krankheit.
Norbert Jordan kämpft gegen die Menschlichkeit.
Und das ist der eigentliche Skandal:
Dass ein gewählter Vertreter glaubt, Verachtung sei eine politische Haltung.
Doch der Rechtsstaat wird sich – wie immer – durchsetzen.
Langsamer als der Zorn, aber sicherer als die Hetze.
Und genau das unterscheidet Demokraten von Demagogen.
