Innere Sicherheit im Faktencheck: Was von Ostermanns Angstnarrativ übrig bleibt

Teaser: Ein stellvertretender Polizeigewerkschafter verkündet den Untergang – die Zahlen sagen etwas anderes. Recherchen des ARD-Politikmagazins Kontraste und der ZEIT zeigen: Vieles, was Manuel Ostermann behauptet, hält einer nüchternen Prüfung nicht stand. Zeit für eine Debatte auf Faktenbasis – rechtsstaatlich, präzise, ohne Alarmismus. Stand der zitierten Recherchen: 22.10.2025.

Einordnung
Wenn ein Funktionär der Deutschen Polizeigewerkschaft (DPolG) das Ende der inneren Sicherheit ausruft, landet er in Talkshows, Bestsellerlisten und Kommentarspalten. Manuel Ostermann skizziert in seinem Buch ein Deutschland auf dem Weg ins „Kalifat“, in dem Clans Großstädte beherrschen und „Gruppenvergewaltiger ungestraft“ blieben. Klangvoll, klickstark – und in zentralen Teilen empirisch nicht gedeckt. Wer Recht und Statistik beherrscht, weiß: Einzelmeinungen sind keine Beweise, Einzelfälle sind keine Trends.

Die Datenlage – nüchtern betrachtet
Wer die Polizeiliche Kriminalstatistik (PKS) zitiert, sollte sie auch verstehen. Kontraste und die ZEIT haben Ostermanns Thesen geprüft. Ergebnis: Der Befund einer „Kriminalitätskrise“ hält der Langzeitbetrachtung nicht stand.

  • Jugendkriminalität: Ja, die Zahl jugendlicher Tatverdächtiger stieg ab 2022. Kontext: Die Lockdowns hatten zuvor messbar zu einem Einbruch vieler Delikte geführt. Im langfristigen Vergleich liegt 2004 die Zahl jugendlicher Tatverdächtiger rund ein Drittel höher als heute. Von einer historisch beispiellosen Welle kann seriös keine Rede sein.
  • Sexualdelikte: Seit 2016 („Nein heißt Nein“) und insbesondere seit 2021 (verschärfte Regeln zur Verbreitung von Darstellungen sexualisierter Gewalt an Kindern) wurden die Straftatbestände ausgeweitet. Folge: mehr Anzeigen, vor allem wegen digitaler Verbreitung – häufig unter Jugendlichen in Chatgruppen. Ein Langzeitvergleich ohne Berücksichtigung dieser Gesetzesänderungen ist irreführend. Das sagt im Übrigen auch das BKA.
  • Straftaten gegen das Leben (Mord, Totschlag): Seit dem Peak Anfang der 1990er Jahre sind die Zahlen deutlich gesunken und seit 2010 relativ stabil. Das ist das Gegenteil einer Eskalation.
  • Kriminalitätsfurcht: Laut langlaufenden Erhebungen, u. a. R+V (seit 1992), DIW und LKA Niedersachsen, ist die Angst, Opfer einer Straftat zu werden, in Deutschland rückläufig. 1995 gaben 44 Prozent große Angst an, 2025 nur noch 20 Prozent. Eine „rasant steigende“ Furcht lässt sich empirisch nicht belegen.

Beispiele ohne belastbare Belege
Wo Zahlen fehlen, werden häufig dramatische Einzelfälle bemüht. Auch hier lohnt der Realitätscheck.

  • Hambacher Forst: Von angeblich einbetonierten, getarnten Mistgabeln als Fallen gegen Einsatzkräfte finden sich weder in Polizeimitteilungen noch in Medienarchiven belastbare Spuren. Die zuständige Polizeidirektion und das NRW-Innenministerium kennen keinen solchen Fall. Behauptungen bleiben ohne Beweis genau das: Behauptungen.
  • Handreichung der Bundespolizei zum CSD Hannover: Ja, es gab eine Sensibilisierung für respektvollen Umgang (z. B. Nutzung selbstgewählter Namen). Nein, die Identitätsfeststellung wurde dadurch nicht eingeschränkt. Ein Sprecher der Bundespolizei stellte klar: Bei Personalienfeststellungen gilt der amtliche Name im Ausweis. Das ist Rechtsstaat 1×1.
  • Bad Oeynhausen: Der Angriff auf Philippos T. (2024) ist tragisch. Juristisch entscheidend: Das Gericht verurteilte den Täter 2025 wegen versuchten Totschlags und Körperverletzung – nicht wegen vollendeten Totschlags. Das Motiv laut Urteil: eine Auseinandersetzung im Kontext von Drogen, kein religiöses Tatmotiv. Ein Kreuz am Halsband des Opfers spielte im Verfahren keinerlei Rolle. Wer hier ein Christenverfolgungs-Narrativ andeutet, konstruiert politisches Kapital aus einem Einzelfall – gegen die Aktenlage.

Juristisch sauber statt politisch aufgeladen

  • PKS ist eine Ausgangsstatistik, keine Schuldspruchstatistik. Sie bildet Anzeigen, polizeiliche Ermittlungen und Tatverdächtigenzählungen ab, nicht Gerichtsentscheidungen. Tatverdächtige sind nicht automatisch Täter.
  • Versuch vs. Vollendung: Strafrechtlich ist der Unterschied erheblich – für Strafmaß, Bewertung und Statistik. Das zu verwischen, erzeugt Dramatik, aber keine Wahrheit.
  • Rechtsgüterabwägung: Sicherheit ist ein hohes Gut. Aber sie entsteht nicht durch Angst, sondern durch wirksame, verhältnismäßige Maßnahmen, die Grundrechte wahren und auf Evidenz beruhen.

Politische Dimension: Angst ist ein schlechter Ratgeber
Alarmistische Erzählungen über „fremd“ verursachte Kriminalität sind ein bekanntes Geschäftsmodell am rechten Rand. Sie funktionieren nur, wenn man Komplexität reduziert, Kontexte weglässt und Einzelfälle verallgemeinert. Seriöse Sicherheitspolitik tut das Gegenteil:

  • Prävention und Präsenz: Frühe Hilfen, Jugend- und Sozialarbeit, kommunale Prävention, gut ausgebildete, ausreichend vorhandene Polizei – messbar wirksam, langfristig günstiger.
  • Integration statt Sündenbock: Wer Menschen integriert – in Bildung, Arbeit, Sprache –, reduziert Vulnerabilitäten und verhindert Parallelstrukturen. Das stärkt innere Sicherheit. Pauschale Abschiebeforderungen liefern Schlagzeilen, lösen aber strukturelle Probleme nicht. Auch sogenannte „kriminelle Ausländer“ verschwinden nicht aus der Statistik, wenn man rechtsstaatliche Standards missachtet; nachhaltige Kriminalitätsreduktion entsteht durch Aufklärung, konsequente Strafverfolgung und Resozialisierung – unabhängig vom Pass.
  • Fakten statt Fiktionen: Die wiederkehrende Gleichsetzung „Migration = Kriminalität“ ist empirisch nicht haltbar. Sie dient politischer Mobilisierung – nicht der Sicherheit der Bevölkerung.

Was bleibt von Ostermanns Buch?
Ein Set aus steilen Thesen, selektiv gelesenen Zahlen und belegfreien Anekdoten. Selbst Ostermann räumt „rhetorische Zuspitzung“ ein. Zuspitzung ist in der Politik erlaubt, aber sie bleibt den Fakten verpflichtet. Wer dauerhaft Vertrauen in Polizei und Staat will, darf die Bevölkerung nicht mit Übertreibungen verunsichern.

Fazit
Deutschland ist – im langfristigen Vergleich – sicherer, als Angstkampagnen suggerieren. Ja, es gibt Kriminalität, ja, es gibt Probleme, und ja, Staat und Polizei müssen konsequent handeln. Aber konsequent heißt: rechtssicher, evidenzbasiert und ohne Pauschalverdacht. Integration, Prävention und eine sachkundige, gut ausgestattete Polizei erhöhen die innere Sicherheit – Abschreckungsrhetorik, Alarmismus und Sündenbockpolitik nicht.

Wer die AfD-üblichen Narrative von der „Kriminalitätskrise durch Migration“ bedient, arbeitet gegen die Fakten und spielt den Falschen in die Hände. Wer Daten, Recht und Verhältnismäßigkeit ernst nimmt, stärkt den Rechtsstaat – und damit die Sicherheit aller, unabhängig von Herkunft, Religion oder Pass.

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