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Soofi: Der späte Versuch digitaler Souveränität oder: Wie man mit 20 Millionen Euro gegen Silicon Valley anstinken will

Es geschehen noch Zeichen und Wunder. Während sich der politische Rand rechts außen in völkischen Fantasien suhlt und die digitale Kompetenz dort in etwa auf dem Niveau eines Faxgerätes von 1995 stagniert, wurde an anderer Stelle tatsächlich mal Geld in die Hand genommen. Sinnvoll.

Das BMWK (Bundesministerium für Wirtschaft und Klimaschutz) fördert mit 20 Millionen Euro das Projekt Soofi (Sovereign Open Source Foundation Models).

Das Ziel? Ein offenes KI-Sprachmodell mit 100 Milliarden Parametern. Eine europäische Alternative zu ChatGPT, Claude und Co. Made in Germany, aber mit europäischem Mindset.

Die Faktenlage (für die, die lesen können)

Wir haben uns in eine technologische Abhängigkeit von den USA und China manövriert, die jedem Souveränitäts-Theoretiker die Schamesröte ins Gesicht treiben müsste. Deutsche Unternehmen nutzen US-Modelle, füttern US-Algorithmen und machen sich zu reinen Anwendern fremder Kerntechnologien. Das ist das digitale Äquivalent zum reinen Rohstofflieferanten.

Hier setzt Soofi an. Ein Konsortium aus Fraunhofer IAIS, IIS, DFKI, TU Darmstadt, Uni Hannover, der Berliner Hochschule für Technik und den Startups Ellamind und Merantix Momentum soll das richten.

Besonders interessant wird es beim Blick nach Würzburg. Die dortige Uni (Data Science Chair & Computer Philology) übernimmt essenzielle Parts der Pipeline:

  • Pretraining & Data Cleaning: Wer glaubt, man kippt einfach das Internet in eine Grafikkarte, hat KI nicht verstanden. Die Würzburger filtern den Müll raus.
  • Juristische Domänen-Spezialisierung: Das Modell soll fit gemacht werden für die deutsche Verwaltungssprache und juristische Texte. Das ist der Unterschied zwischen einem Chatbot, der halluziniert, und einem Werkzeug, das rechtsstaatliche Prozesse unterstützt.
  • Reasoning: Es geht nicht nur um „Labern“, sondern um logisches Schlussfolgern.

Warum das politisch relevant ist (und der AfD nicht schmecken wird)

Man muss das mal in aller Arroganz ausbuchstabieren: Echte Souveränität erreicht man nicht durch Grenzzäune oder das Abschieben von Menschen (was faktisch ohnehin keine Probleme löst, sondern nur Ressourcen bindet, die wir in der IT bräuchten). Souveränität erreicht man durch technologische Exzellenz und Open Source.

Dieses Projekt ist per Design antifaschistisch, weil es Open Source ist. Es demokratisiert den Zugang zu Hochtechnologie, anstatt ihn in den Händen weniger Tech-Oligarchen zu konzentrieren. Zudem soll das Modell explizit den Anforderungen des EU AI Act entsprechen und europäischen Wertvorstellungen genügen.

Das bedeutet:

  • Training auf Datensätzen, die nicht nur US-amerikanischen Bias reproduzieren.
  • Fokus auf Mehrsprachigkeit und Integration (Translation-Capabilities), statt nationaler Echolokammer.
  • Transparenz statt Blackbox.

Technische Details für die Kenner

Das Training läuft auf der Industrial AI Cloud der Telekom (T-Systems). Souveräne Infrastruktur. Kein AWS, kein Azure. Die Würzburger bringen ihre Erfahrung aus dem Training von „LLäMmlein“ ein. Es werden LoRA-basierte Adapter für spezifische Domänen (Recht, Medizin) entwickelt. Das ist genau der granulare, wissenschaftliche Ansatz, der uns von den „Move fast and break things“-Cowboys unterscheidet.

Fazit

20 Millionen Euro sind im Vergleich zu den Budgets von OpenAI oder Google natürlich ein Witz. Sam Altman gibt das wahrscheinlich monatlich für Kaffee aus. Aber: Es ist Steuergeld, das in öffentliche, transparente Forschung fließt und nicht in proprietäre Closed-Source-Gärten.

Es ist der Versuch, ein Reasoning-Modell zu bauen, das strukturiert denken kann, statt nur statistische Wahrscheinlichkeiten aneinanderzureihen. Wer „Deutschland zuerst“ brüllt, aber amerikanische Software nutzt, hat den Schuss nicht gehört. Wer echte Unabhängigkeit will, fördert Projekte wie Soofi.

Der Code und die Modelle sollen offen sein. Das ist der einzige Weg. Alles andere ist digitale Knechtschaft.

Gönnt euch die Details direkt an der Quelle, bevor ihr wieder Unfug auf X (ehemals Twitter) verbreitet:

Zentralisierungs-Fail: Cloudflare hustet, und das rechte Internet bekommt Schnappatmung

Tja. Wer hätte das gedacht? surprised pikachu face

Da predigt man seit Jahren, dass Dezentralisierung die einzige valide Strategie für ein resilientes Netz ist, und was machen alle? Sie werfen ihre gesamte Infrastruktur einem einzigen US-Dienstleister in den Rachen. Heute Nachmittag (18.11.2025) war es mal wieder soweit: Cloudflare hatte Schluckauf.

Und wenn Cloudflare hustet, hat das halbe Internet Lungenentzündung.

Kurz zu den Fakten für die technisch weniger Versierten: Cloudflare ist quasi der Türsteher des Internets. Sie machen DDoS-Schutz, CDN und Traffic-Scrubbing. Die Idee: Man leitet seinen Traffic durch deren Server, die filtern den Müll raus, und nur die sauberen Anfragen kommen zum Server durch. Das Problem: Wenn der Filter selbst der Müll ist, geht gar nichts mehr.

Laut den Status-Updates begann der Spaß gegen 11:48 UTC. Ein „versteckter Fehler“ in einem Dienst, der eigentlich die Bot-Abwehr unterstützen sollte, hat zu massiven Abstürzen im Netzwerk geführt. Ironie ist, wenn das Schutzschild dich erschlägt. Gegen 13:13 UTC hatten sie den Fehler identifiziert, und der Fix wurde ausgerollt.

Wer war betroffen?

Hier wird es köstlich. Neben ChatGPT (was ärgerlich ist, weil dann niemand mehr automatisiert LinkedIn-Bullshit-Posts generieren kann), hat es vor allem zwei Kandidaten erwischt, bei denen sich mein Mitleid in sehr engen Grenzen hält:

  1. X (ehemals Twitter): Die Spielwiese von Elon Musk.
  2. Truth Social: Das Megaphon von Donald Trump.

Man muss sich das mal auf der Zunge zergehen lassen. Die Plattformen, auf denen den ganzen Tag über „Souveränität“, „Unabhängigkeit“ und nationalistische Abschottung schwadroniert wird, sind komplett abhängig von der globalen Infrastruktur eines einzelnen Tech-Giganten aus San Francisco. Ohne das „System“ sind diese „Systemkritiker“ stumm.

Es entbehrt nicht einer gewissen Komik, dass ausgerechnet ein Fehler in der Bot-Abwehr diese Netzwerke lahmgelegt hat. Man könnte fast meinen, der Algorithmus hat endlich mal funktioniert und den Großteil der Userbasis auf X und Truth Social korrekt als Bots erkannt. badum-tss

Technische Arroganz & Fazit

Das Ganze zeigt mal wieder exemplarisch das Versagen zentralisierter Strukturen. Wir bauen uns digitale „Festungen“, genau wie manche Leute „Festungen“ an den Außengrenzen fordern. Beides funktioniert faktisch nicht. Eine technische Störung bei einem Anbieter reicht, und die Kommunikation bricht zusammen. Das ist handwerklich einfach schlechte Architektur. Wer seine Infrastruktur nicht selbst betreibt oder zumindest redundant über verschiedene Backbones verteilt, hat die Kontrolle über sein Produkt verloren. Punkt.

Cloudflare sagt, die Systeme würden „weiter auf Unregelmäßigkeiten überwacht“. Übersetzung: Wir starren auf Grafana-Dashboards und hoffen, dass es nicht wieder knallt.

Zusammenfassend: Das Internet war kurz kaputt, die rechten Hetz-Plattformen waren offline (was für ein angenehm ruhiger Nachmittag!), und am Ende lernen wir wieder nichts daraus und machen morgen genau so weiter.

Die einzige funktionierende Firewall ist Solidarität und dezentrale Infrastruktur. Alles andere ist Marketing-Geschwätz.

Update: Die Dienste laufen wieder normal. Der Hass kann also weiterfließen. Leider.

Kommentar: Der EU „Digital Omnibus“ – oder wie man Grundrechte unter dem Radar an Big Tech verramscht

Man muss kein Prophet sein, um zu erkennen, dass in Brüssel mal wieder die Weichen falsch gestellt werden – und zwar massiv. Während die Öffentlichkeit noch damit beschäftigt ist, sich über Kinkerlitzchen zu echauffieren, bereitet die EU-Kommission gerade den größten Rückschritt für digitale Grundrechte in der Geschichte der Union vor. Unter dem euphemistischen Label „Digital Omnibus“ wird uns hier eine „technische Straffung“ verkauft. Wer den Brüsseler Neusprech beherrscht, weiß sofort: „Straffung“ bedeutet Deregulierung, und „technische Anpassung“ heißt in der Regel, dass die Lobbyisten von Big Tech den Stift geführt haben.

Zusammen mit 126 anderen zivilgesellschaftlichen Organisationen haben wir heute einen offenen Brief unterzeichnet, um diesen Wahnsinn vielleicht noch zu stoppen.

Der Trick mit der „Vereinfachung“

Die Methode ist so alt wie durchschaubar: Man nehme ein Bündel an Gesetzesänderungen, klebe das Etikett „Bürokratieabbau“ darauf und schleuse es im Eilverfahren an der demokratischen Kontrolle vorbei. Das Ziel? Die DSGVO, die ePrivacy-Richtlinie und das KI-Gesetz sollen ausgehöhlt werden.

Es geht hier nicht um ein paar unbedeutende Paragrafen. Es geht um die Kernsubstanz dessen, was uns vor totalitärer Überwachung und algorithmischer Diskriminierung schützt. Die Kommission plant allen Ernstes, die Definition personenbezogener Daten so weit aufzuweichen, dass Unternehmen ihre Hausaufgaben künftig selbst benoten dürfen. Faktisch würde dies bedeuten: Wenn ein Konzern behauptet, Daten seien pseudonymisiert, dann sind sie das – selbst wenn jeder Informatiker im ersten Semester sie deanonymisieren könnte.


Warum Datenschutz Antifaschismus ist

Kommen wir zum unangenehmen Teil, den viele in der bürgerlichen Mitte gerne überhören: Eine Infrastruktur, die Überwachung ermöglicht, ist eine Waffe. Die Kommission will Regeln schwächen, die verhindern, dass Regierungen und Unternehmen ständig verfolgen, was Menschen auf ihren Geräten tun. Standortdaten, Besuche in Gesundheitseinrichtungen oder Gotteshäusern sollen leichter abgreifbar werden.

Lassen Sie uns das mal kurz juristisch und politisch durchdeklinieren: Wir erleben gerade einen Rechtsruck. Wenn wir Datenbanken und Überwachungsinstrumente schaffen, die „ethnische Herkunft“ oder „religiöse Überzeugungen“ aus Metadaten extrahieren können, dann liefern wir den Feinden der Demokratie das Besteck frei Haus. Datenschutz ist kein „Täterschutz“, wie Demagogen gerne behaupten. Datenschutz ist der Schutz potenzieller Opfer vor einem übergriffigen Staat.

Wer Integration ernst meint, darf keine digitalen Rasterfahndungsmethoden legalisieren, die Menschen ohne Papiere oder Minderheiten noch weiter stigmatisieren und kontrollieren. Wir brauchen keine effizienteren Abschiebe-Algorithmen, sondern eine humane Gesellschaft. Die Deregulierung, die hier angestrebt wird, spielt jedoch genau jenen in die Hände, die von einer „sauberen“ Gesellschaft träumen.

KI-Training auf Kosten der Grundrechte

Besonders perfide ist der Umgang mit Künstlicher Intelligenz. Die wenigen Schutzmaßnahmen, die wir im KI-Gesetz mühsam erkämpft haben, sollen für das Training von KI-Modellen wieder kassiert werden. Man will Strafen für den Verkauf gefährlicher KI-Systeme aufschieben. Im Klartext: US-Konzerne sollen unsere sensibelsten Daten abgreifen dürfen, um damit ihre energiefressenden Modelle zu füttern – auf Kosten des Planeten und unserer Privatsphäre. Die Anbieter könnten sich dabei einseitig und heimlich von Verpflichtungen befreien.

Die Rolle der Bundesregierung

Man höre und staune: Es ist ausgerechnet die deutsche Bundesregierung, die hier als treibende Kraft für die Aushöhlung des Datenschutzes auftritt. Statt europäische Werte zu verteidigen, macht man sich zum Erfüllungsgehilfen einer Industrie, deren Geschäftsmodell auf der Ausbeutung menschlicher Verhaltensdaten basiert. Das ist nicht nur politisch kurzsichtig, das ist fahrlässig.

Fazit

Es ist noch nicht zu spät, diesen Unsinn zu stoppen. Aber dafür muss man verstehen, was auf dem Spiel steht. Es geht nicht um „Cookie-Banner“. Es geht darum, ob wir in einer Gesellschaft leben wollen, in der unsere Lebenschancen von undurchsichtigen KI-Systemen bestimmt werden und in der unsere Privatsphäre nur noch auf dem Papier existiert.

Die EU muss aufhören, Gesetze wie die DSGVO als „Bürokratie“ zu diffamieren. Sie sind der einzige Schutzwall, den wir gegen digitale Ausbeutung und Überwachung haben. Wer diesen Wall einreißt, öffnet die Tore nicht für „Innovation“, sondern für Willkür.

Bochum: Wenn der Staatsschutz das Kindeswohl per 9mm sichert – Ein Lehrstück über Verhältnismäßigkeit bei Gehörlosen

Es ist immer wieder erfrischend zu sehen, wie gut unsere Exekutive darin geschult ist, deeskalierend auf vulnerable Gruppen einzuwirken. Man möchte fast applaudieren, wenn es nicht so tragisch wäre.

Der Sachverhalt: In Bochum dachten sich die Beamten in der Nacht zu Montag offenbar, dass man das Kindeswohl am besten mit einer Dienstwaffe verteidigt. Es ging um eine Zwölfjährige. Gehörlos. Das Kind war aus einer Wohngruppe in Münster abgängig und hielt sich bei der Mutter auf (die das Sorgerecht verloren hatte). Die Polizei wollte das Kind eigentlich retten, weil es dringend medikamentös eingestellt werden muss.

Das Ergebnis dieser „Rettung“? Das Kind liegt mit einem Bauchschuss auf der Intensivstation. Stabil, aber kritisch.

Die Taktik der „Profis“: Die Beamten verschafften sich Zutritt zur Wohnung, nachdem die Mutter (ebenfalls gehörlos) fixiert vor der Tür im Flur lag. Drinnen: Die Zwölfjährige mit zwei Messern. Nun könnte man meinen, dass vier ausgebildete Polizeibeamte in Schutzausrüstung in der Lage wären, ein zwölfjähriges Mädchen ohne den Einsatz letaler Gewalt zu überwältigen. Oder man könnte annehmen, dass man bei einer bekannten Gehörlosigkeit vielleicht vorher überlegt, wie man kommuniziert, wenn „Halt, Polizei!“ akustisch ins Leere läuft. Ein Gebärdendolmetscher? War nicht dabei. Man wollte ja „schnell zum Arzt“. Die Ironie ist kaum zu überbieten.

Juristische Feinheiten (für die Laien unter uns): Schusswaffengebrauch gegen Kinder (Personen unter 14 Jahren) ist nach den Polizeigesetzen (hier PolG NRW) die absolute Ultima Ratio. Es ist quasi verboten, es sei denn, es besteht eine gegenwärtige Gefahr für Leib und Leben. Die offizielle Lesart der Staatsanwaltschaft Bochum und Polizei Essen lautet nun: Das Mädchen stand „unmittelbar“ vor den Beamten.

Und jetzt kommt der Teil, der physikalisch und taktisch Fragen aufwirft: Es wurde gleichzeitig getasert und geschossen. Ein Beamter nutzte das Elektroimpulsgerät (Taser), der andere die Schusswaffe. Simultan. Das deutet für den geschulten Beobachter weniger auf eine kontrollierte Lagebewältigung hin, als vielmehr auf eine panische Überreaktion, bei der die Abstimmung im Team komplett versagt hat. Wenn man Zeit zum Tasern hat, warum muss dann zeitgleich das Projektil fliegen?

Das Framing: Die GdP (Gewerkschaft der Polizei) spricht von einem „extrem belastenden Ereignis für alle Beteiligten“ und warnt vor der Gefahr von Messern. Natürlich. Niemand bestreitet die Gefahr von Messern. Aber wir reden hier von Profis gegen ein Kind mit Handicap. Die Frage, ob die Bodycams liefen, ist übrigens noch „Gegenstand der Ermittlungen“. Wir dürfen gespannt sein, ob die Technik zufällig gerade defekt war, der Akku leer, oder ob man tatsächlich Transparenz wagt. In NRW müssen die Kameras nämlich aktiv eingeschaltet werden.

Fazit: Wir halten fest: Um ein Kind vor dem Fehlen lebenswichtiger Medikamente zu schützen, schießt man es ins Krankenhaus. Das ist die Logik eines Polizeiapparates, der offensichtlich massive Defizite im Umgang mit Menschen mit Behinderung hat. Wer hier nicht sofort strukturelle Probleme in der Ausbildung und Einsatzplanung erkennt, dem ist nicht mehr zu helfen. Es bleibt zu hoffen, dass die „transparente Aufarbeitung“, die die GdP fordert, nicht im üblichen Korpsgeist endet.

Gute Besserung an das Opfer.

BGH zum Wirecard-Debakel: Aktionäre gehen in der Insolvenz leer aus – Schadensersatzansprüche sind nachrangig

Teaser: Der Bundesgerichtshof hat entschieden: Kapitalmarktrechtliche Schadensersatzansprüche von Wirecard-Aktionären sind in der Insolvenz keine einfachen Forderungen. Sie treten hinter die übrigen Insolvenzgläubiger zurück. Angesichts der Zahlen ist eine Auszahlung an Aktionäre faktisch ausgeschlossen.

Einordnung
Wer Aktien kauft, übernimmt unternehmerisches Risiko. Das ist keine Geschmacksfrage, sondern die Grundarchitektur des Gesellschafts- und Insolvenzrechts. Der Bundesgerichtshof (Az. IX ZR 127/24) hat am 13. November 2025 klargestellt: Auch wenn Anleger beim Erwerb von Wirecard-Aktien getäuscht wurden, stehen ihre kapitalmarktrechtlichen Schadensersatzansprüche in der Insolvenz hinter den Ansprüchen der einfachen Insolvenzgläubiger. Übersetzt: Es wird für Aktionäre kein Geld aus der Insolvenzmasse geben, es sei denn, nach vollständiger Befriedigung aller vorrangigen Forderungen bliebe ein Überschuss – was angesichts der Zahlen reine Theorie ist.

Die harten Fakten

  • Insolvenzmasse: rund 650 Millionen Euro.
  • Angemeldete Forderungen insgesamt: rund 15,4 Milliarden Euro.
  • Davon rund 8,5 Milliarden Euro von etwa 50.000 Wirecard-Aktionären aus aktienrechtlich veranlassten Schadensersatzansprüchen.
  • Ergebnis: Aktionärsansprüche sind nicht Forderungen nach § 38 InsO. Sie sind nachrangig und nur im Fall eines Überschusses (§ 199 InsO) oder jedenfalls hinter den einfachen Gläubigern zu bedienen.

Was der BGH entschieden hat

  • Keine einfachen Insolvenzforderungen: Die geltend gemachten kapitalmarktrechtlichen Schadensersatzansprüche der Aktionäre sind mit der Gesellschafterstellung untrennbar verknüpft. Wer sich an einer AG beteiligt, steht den unternehmerischen Risiken näher als jeder Fremdgläubiger. Genau diese Risikozuordnung zieht die Rangordnung der Insolvenzordnung nach.
  • Verteilungskonflikt, nicht Haftungsfrage: In der Insolvenz geht es nicht mehr darum, ob die Gesellschaft zivilrechtlich haftet, sondern darum, wie die knappe Masse verteilt wird. In dieser Verteilung stehen Aktionäre hinter den einfachen Insolvenzgläubigern.
  • Rangklärung im Ergebnis: Der BGH musste nicht abschließend entscheiden, ob diese Ansprüche nur im Überschussverfahren (§ 199 InsO) oder analog als nachrangige Insolvenzforderungen (§ 39 Abs. 1 Nr. 5 InsO) zu berücksichtigen sind – entscheidend ist: Sie sind nicht gleichrangig mit § 38 InsO.
  • Prozessualer Rahmen: Das Berufungsurteil des OLG München, das Aktionärsansprüche als einfache Insolvenzforderungen zulassen wollte, wurde aufgehoben. Soweit es um eine Zwischenfeststellungswiderklage des Insolvenzverwalters ging, blieb die Revision ohne Erfolg – für deren weitergehende Feststellung bestand kein Rechtsschutzinteresse.

Warum das juristisch zwingend ist

  • Aktionär = Mitunternehmer: Gewinne ja, aber eben auch das volle Verlustrisiko. Diese Risikotragung lässt der Gesetzgeber in der Insolvenz konsequent vorgehen: Erst die Fremdgläubiger, dann – wenn überhaupt – die Gesellschafter.
  • Täuschung ändert den Rang nicht: Dass Anleger im Vertrauen auf falsche Ad-hoc-Mitteilungen oder manipulierte Zahlen kauften, mag Schadensersatzansprüche begründen. Aber es macht aus Gesellschaftern keine Fremdgläubiger. Zweck des Geschäfts war die Beteiligung an der Gesellschaft – und damit das Mittragen des unternehmerischen Risikos.
  • Systemschutz: Die Rangordnung ist kein Formalismus, sondern Stabilitätsanker. Würde man Aktionärs-Schadensersatzansprüche mit einfachen Insolvenzforderungen gleichstellen, würde die Finanzierung von Unternehmen insgesamt destabilisiert. Recht mag unromantisch sein – aber es muss verlässlich sein.

Was bedeutet das konkret für Privatanleger?

  • Realistische Aussicht: Praktisch keine Quote aus der Insolvenzmasse. Bei 650 Millionen Euro Masse und 15,4 Milliarden Euro Forderungen ist ein Überschuss ausgeschlossen.
  • Geltendmachung außerhalb der Masse: Wer Ansprüche prüfen will, muss auf andere Anspruchsgegner und Verfahren schauen (etwa Organhaftung, Prüfungsstellen etc.). Dieses BGH-Urteil regelt ausdrücklich nur die Verteilung der Insolvenzmasse. Es sagt nichts über die Erfolgsaussichten anderer Prozesse.
  • Diversifikation ist kein Buzzword: Ein DAX-Logo ist kein Garantieschein. Aufsicht, Prüfer, Rating, Indexaufnahme – all das reduziert Risiko, hebt es aber nicht auf.

Kurz erklärt: Nachrang in der Insolvenz

  • Einfache Insolvenzgläubiger (§ 38 InsO): Klassische Fremdgläubiger mit fälligen Vermögensansprüchen zum Zeitpunkt der Verfahrenseröffnung – z. B. Lieferanten, Dienstleister, Banken mit Kreditforderungen.
  • Nachrangige Position: Gesellschafternahe Ansprüche treten hinter diese Gläubiger zurück. Aktionärsansprüche aus dem aktienbezogenen Erwerb sind davon umfasst.
  • Überschussverteilung (§ 199 InsO): Erst wenn alle einfachen Insolvenzgläubiger vollständig bedient sind, kommt ein verbleibender Überschuss überhaupt zur Verteilung an Gesellschafter. Bei Wirecard ist das akademisch.

Einordnung jenseits der Schlagzeile

  • Ja, die Kontrollmechanismen haben versagt – mehrfach. Aber das ändert nichts an der insolvenzrechtlichen Verteilungslogik. Recht ist keine Reparaturwerkstatt für enttäuschte Renditehoffnungen, sondern eine Ordnung für Knappheit.
  • Populistische Sündenbocksuche bringt hier exakt gar nichts. Entscheidend sind Beweise, Tatbestände, Normen. Genau die hat der BGH sauber übereinandergelegt.

Rechtlicher Hinweis
Dieser Beitrag stellt keine Rechtsberatung dar. Maßgeblich ist das Urteil des Bundesgerichtshofs vom 13. November 2025 (Az. IX ZR 127/24) und die dort zugrunde gelegte Begründung. Stand: 13.11.2025.

Quelle zum Nachlesen
Bundesgerichtshof, Pressemitteilung Nr. 211/2025 vom 13.11.2025, Urteil IX ZR 127/24:
https://www.bundesgerichtshof.de/SharedDocs/Pressemitteilungen/DE/2025/2025211.html

BBC in der Vertrauenskrise: Nach Schnitt-Vorwürfen treten Generaldirektor Tim Davie und Nachrichtenchefin Deborah Turness zurück

Die Faktenlage

  • Die britische BBC steckt nach schweren Vorwürfen in einer Vertrauenskrise. Generaldirektor Tim Davie und Nachrichtenchefin Deborah Turness haben ihren Rücktritt erklärt. Davie spricht von eigenen Entscheidungen und übernimmt insgesamt Verantwortung für “Fehler”, die passiert seien.
  • Auslöser ist ein interner Bericht, der der Zeitung Daily Telegraph zugespielt wurde. Im Fokus: die BBC-Panorama-Produktion “Trump: A Second Chance?” (Ausstrahlung Wochen vor der US-Wahl 2024). In der Sendung wurden zwei Passagen aus Donald Trumps Rede vom 6. Januar 2021 so aneinandergeschnitten, dass der Eindruck entstehen konnte, er habe seine Anhänger unmittelbar zum Sturm auf das Kapitol animiert. In der Originalrede liegen die Passagen etwa 50 Minuten auseinander.
  • Die britische Kulturministerin Lisa Nandy spricht von “äußerst schwerwiegenden” Vorwürfen und verlangt Aufklärung. Die BBC kündigt einen geordneten Übergang in der Führung an.
  • Der interne Bericht erwähnt weitere Fälle redaktioneller Verfehlungen, darunter eine Gaza-Reportage, in der zentrale Hintergründe erst nachträglich offengelegt wurden. Die BBC hat Fehler eingeräumt.

Worum es juristisch-ethisch eigentlich geht

  • Der Kernvorwurf lautet nicht: “Kürzen verboten.” Selbstverständlich dürfen Redaktionen aus langen Reden zitieren und kürzen. Unzulässig wird es dort, wo Kürzungen den Sinn entstellen. Das ist der klassische Kontextbruch – ein No-Go nach dem Presserecht (Stichwort: Sorgfaltspflicht) und den eigenen BBC-Editorial Guidelines (Accuracy, Due Impartiality).
  • Eine montagebedingte Sinnverschiebung ist – gelinde gesagt – unprofessionell. In einer Spitzenproduktion wie Panorama ist sie unentschuldbar. Genau deshalb ist der Schritt der Führungsspitze folgerichtig: Verantwortung ist kein Feigenblatt, sondern eine Funktion.

Der politische Druckkessel

  • Die BBC steht seit Jahren im Kreuzfeuer: populistische Angriffe, privatmediale Konkurrenz, Debatten um Gebührenfinanzierung und Unparteilichkeit. Wer jetzt reflexhaft den öffentlich-rechtlichen Rundfunk schleifen will, offenbart vor allem eins: Unverständnis dafür, dass Fehlerkultur und Transparenz die Antwort sind – nicht der Kahlschlag.
  • In Deutschland ist das Lied bekannt: Rechte Kulturkämpfer träumen vom schwachen Rundfunk, um lautstärker zu fabulieren und leiser kontrolliert zu werden. Wer es ernst meint mit demokratischer Resilienz, stärkt Qualitätskontrolle, Redaktionsstandards und die Unabhängigkeit – und lässt das AfD-Handbuch für den Abbau öffentlicher Institutionen da, wo es hingehört: im Papierkorb der schlechten Ideen.

Was jetzt dringend passieren muss

  • Vollständige Transparenz: Chronologie, Entscheidungswege, Rohmaterial, Schnittprotokolle – und zwar nicht scheibchenweise. Wer Vertrauen zurückgewinnen will, liefert Belege, nicht Beschwichtigungen.
  • Externe Prüfung: Ein unabhängiger Audit zu Panorama-Workflows, Fact-Checking, Freigaben und Rechtsprüfung. Ofcom-Standards sind keine Zierde, sondern Messlatte.
  • Konsequente Leitplanken: Eindeutige Regeln gegen sinnentstellende Montagen, verpflichtende Kontext-Checks vor Ausstrahlung, dokumentierte Abnahmen. Dazu Schulungen – nicht als Feigenblatt, sondern als Compliance-Pflicht.
  • Korrekturkultur: Öffentlich sichtbare Korrektur- und Richtigstellungsprozesse, zentral auffindbar, mit offenem Archiv. Fehler passieren – aber es ist die Einhegung, die Professionalität beweist.

Einordnung zum Trump-Aspekt

  • Donald Trump nutzte die Enthüllungen erwartungsgemäß, um Medien pauschal zu diskreditieren. Das ist sein Standardrepertoire. Relevanter ist die nüchterne Feststellung: Wenn Schnitte Sinn verschieben, liefern Redaktionen eigenen Gegnern die Munition frei Haus.
  • Zum juristischen Kontext rund um den 6. Januar: Gegen Trump standen in den USA mehrere Verfahren im Raum; über Verlauf und Ausgang ist nüchtern nur auf Basis belastbarer Gerichtsentscheidungen zu sprechen. Redaktionelle Integrität heißt: sauber trennen zwischen belegtem Fakt, Bewertung und politischer Rhetorik.

Zur BBC selbst

  • Die BBC ist eine der letzten globalen Referenzen für öffentlich-rechtliche Qualität – gerade deshalb sind Verstöße teuer. Gebührenfinanzierung ist ein Vertrag mit der Öffentlichkeit: Wer zahlt, darf zu Recht mehr verlangen als Infotainment. Man darf es altmodisch nennen: Genauigkeit vor Dramatik.

FAQ – kurz, klar, unaufgeregt

  • Ist Kürzen von Reden per se unzulässig?
    Nein. Unzulässig ist die sinnentstellende Montage. Kontext ist nicht optional.
  • Beweist der Fall “Lügenpresse”?
    Nein. Er beweist, dass selbst Top-Redaktionen Fehler machen können. Entscheidend ist, wie man damit umgeht: transparent, überprüfbar, mit echten Konsequenzen.
  • Muss man deshalb den öffentlich-rechtlichen Rundfunk schwächen?
    Im Gegenteil. Man muss Standards, Kontrolle und Unabhängigkeit stärken. Wer nur abbaut, schafft Leere – und die füllen die Lautesten, nicht die Besten.

Fazit
Dieser Fall ist unbequem – und genau deshalb wertvoll. Er erinnert die BBC und alle seriösen Medien an das Einmaleins: Präzision vor Pointe, Kontext vor Klicks, Verantwortung vor Eitelkeit. Wer das nicht aushält, will keine besseren Medien, sondern gefügigere. Der Unterschied ist fundamental – und demokratisch nicht verhandelbar.

Ermittlungen gegen AfD-Funktionäre in Bayern: Bundestag hebt Immunität von Raimond Scheirich auf

Kurzüberblick

  • Die Staatsanwaltschaft Augsburg ermittelt gegen zwei AfD-Politiker und weitere Beschuldigte wegen des Verdachts auf Untreue und Betrug.
  • Der Bundestag hat die Immunität des AfD-Abgeordneten Raimond Scheirich aufgehoben.
  • Im Fokus stehen zweckgebundene Gelder für Fraktionsarbeit in Augsburg und deren mutmaßlich falsche Deklaration im Rechenschaftsbericht.
  • Es gab Durchsuchungen in Abgeordnetenbüros und in den Räumen der Augsburger AfD-Stadtratsfraktion; Beweismittel wurden sichergestellt.
  • Die AfD-Fraktion im Bundestag äußert sich nicht inhaltlich und hofft auf schnellen Abschluss der Ermittlungen; bei der Immunitätsaufhebung enthielt sie sich.

Was passiert ist
Nach Angaben der Staatsanwaltschaft Augsburg wird gegen einen AfD-Bundestagsabgeordneten (Raimond Scheirich), einen Landtagsabgeordneten sowie weitere Beschuldigte ermittelt. Der Vorwurf: Untreue und Betrug zum Nachteil der öffentlichen Hand. Im Kern geht es um öffentliche Mittel, die die Stadt Augsburg ausdrücklich für Fraktionsarbeit bereitgestellt hat. Diese Gelder sollen zweckfremd verwendet und anschließend im Rechenschaftsbericht bewusst falsch deklariert worden sein, mutmaßlich um eine Rückzahlung an die Stadt zu verhindern.

Zur Beweissicherung wurden mehrere Objekte durchsucht – darunter Abgeordnetenbüros und die Geschäftsräume der AfD-Fraktion im Augsburger Stadtrat. Die Ermittler stellten Beweismittel sicher.

Rechtsgrundlage in Kürze: Worum es juristisch geht

  • Untreue: Wer Vermögensinteressen eines anderen (hier: öffentliche Gelder, zweckgebunden) pflichtwidrig verletzt und dadurch einen Nachteil verursacht, macht sich strafbar.
  • Betrug: Täuschung mit dem Ziel, sich oder Dritten einen Vermögensvorteil zu verschaffen, verbunden mit einem Vermögensschaden beim Opfer.
  • Falsche Deklaration im Rechenschaftsbericht: Wer wissentlich falsche Angaben macht, um Rückforderungen zu vermeiden, bewegt sich strafrechtlich auf äußerst dünnem Eis.

Immunität aufgehoben: Was das bedeutet – und was nicht
Der Bundestag hat die Immunität von Raimond Scheirich aufgehoben, damit die Ermittlungen geführt werden können. Das ist keine Vorverurteilung, sondern eine rechtsstaatliche Voraussetzung für Zwangsmaßnahmen wie Durchsuchungen. Die Unschuldsvermutung gilt. Aber Immunität ist kein Schutzschild gegen Ermittlungen – sondern eine parlamentarische Formalie, die in solchen Fällen regelmäßig aufgehoben wird.

Stellungnahmen und politische Einordnung

  • Stellungnahme: Raimond Scheirich war zunächst nicht erreichbar. Die AfD-Bundestagsfraktion teilte mit, zu laufenden Verfahren keine Auskunft zu geben, und hofft auf „schnellen Abschluss der Ermittlungen“.
  • Parlamentsvotum: Union, SPD, Grüne und Linke stimmten der Aufhebung der Immunität zu; die AfD enthielt sich. Sagen wir es höflich: Wer Transparenz ernst meint, hat in solchen Momenten kein Interesse an Hinhaltetaktik.
  • Funktionen des Betroffenen: Scheirich sitzt im Bundestagsausschuss für Wirtschaft und Energie, ist stellvertretendes Mitglied im Umweltausschuss, führt die AfD-Fraktion im Augsburger Stadtrat und bekleidet Parteiposten in Augsburg-Stadt und Schwaben. Gerade deshalb ist Compliance hier keine Kür, sondern Pflicht.

Warum das relevant ist

  • Öffentliche Mittel, öffentliche Verantwortung: Fraktionsgelder sind zweckgebunden. Wer sie verwaltet, steht unter erhöhter Sorgfalt. Das ist kein „Formfehler“, sondern Grundbedingung demokratischer Haushaltsführung.
  • Integrität demokratischer Institutionen: Strafrechtliche Vorwürfe gegen Mandatsträger sind immer ein Stresstest für Vertrauen in Politik. Der Unterschied zwischen Rechtsstaat und Populismus ist simpel: Der Rechtsstaat arbeitet mit Akten, Belegen und Beschlüssen – nicht mit Bauchgefühl.
  • Transparenzpflicht: Wer politisch gerne mit Härte gegen „andere“ auftritt, sollte sie erst recht gegenüber sich selbst aushalten. Doppelte Standards sind kein tragfähiges Regierungsprogramm.

Was noch offen ist

  • Ob sich der Anfangsverdacht bestätigt, klären Ermittlungen und ggf. ein Gericht. Bis dahin gilt: keine Vorverurteilung.
  • Umfang und genaue Verwendung der betroffenen Mittel werden erst nach Sichtung der Beweise belastbar zu bewerten sein.
  • Etwaige Rückforderungen der Stadt Augsburg hängen vom Ergebnis der Prüfung ab.

Ausblick

  • Die Staatsanwaltschaft sichtete Beweismittel; es ist mit weiteren Aktenbewegungen und möglichen Vernehmungen zu rechnen.
  • Sollte sich der Verdacht erhärten, drohen strafrechtliche Konsequenzen und kommunalrechtliche Rückforderungen.
  • Politisch wird – unabhängig vom Ausgang – die Debatte über Kontrolle, Compliance und Rechenschaft in Fraktionen erneut Fahrt aufnehmen. Gut so.

Kontext: Rechenschaftsbericht und Zweckbindung
Fraktionen in Kommunalparlamenten erhalten Geld zur Erfüllung ihres Mandats – Sacharbeit, Personal, Organisation. Diese Mittel sind nicht privat, nicht parteilich, nicht beliebig. Sie sind zweckgebunden. Rechenschaftsberichte dokumentieren die ordnungsgemäße Verwendung. Wer hier kreativ wird, riskiert strafrechtliche, verwaltungsrechtliche und reputative Folgen – in genau dieser Reihenfolge.

Einordnung – nüchtern, aber ohne Samthandschuhe

  • Der Rechtsstaat funktioniert, wenn Parlamente Immunität aufheben, Behörden durchsuchen und Gerichte am Ende entscheiden. Das ist die Normalität eines erwachsenen Systems, nicht etwa „politische Verfolgung“.
  • Wer mit öffentlichem Geld arbeitet, arbeitet unter Beobachtung. Transparenz ist keine Option, sondern Verpflichtung. Dass man das 2025 noch dazusagen muss, ist bezeichnend.
  • Antifaschistische Grundhaltung bedeutet hier: Wehret den Anfängen – nicht mit Parolen, sondern mit Haushaltsrecht, Aktenlage und belastbarer Kontrolle.

Hinweis zur Berichterstattung
Diese Berichterstattung beruht auf den offiziellen Mitteilungen der Staatsanwaltschaft Augsburg und den im Bundestag getroffenen Beschlüssen. Es gilt die Unschuldsvermutung.

BSW ordnet sich neu: Wagenknecht räumt den Parteivorsitz – De Masi und Mohamed Ali übernehmen

Stand: 10.11.2025

Kurzfassung

  • Fakt ist: Sahra Wagenknecht tritt als Bundesvorsitzende des BSW zurück. Die Doppelspitze übernimmt Amira Mohamed Ali gemeinsam mit dem Europaabgeordneten Fabio De Masi.
  • Wagenknecht bleibt mächtig: Sie baut und leitet eine Grundwertekommission, behält Sitz und Stimme im Vorstand und will das programmatische Profil schärfen.
  • Das Kürzel BSW bleibt, die Langform soll auf dem Parteitag Magdeburg (6.–7. Dezember) neu definiert werden.
  • Hintergrund: schwächere Umfragen (3–4 Prozent), verpasster Bundestagseinzug, interne Konflikte in mehreren Landesverbänden.
  • Politische Schwerpunkte bleiben: soziale Gerechtigkeit, Vermögensbesteuerung, niedrigere Rüstungsausgaben, Skepsis gegenüber weiteren Ukraine-Hilfen – und eine schärfere Migrationslinie. Unsere Einordnung: Integration schlägt Symbolpolitik.

Was passiert ist
Die bisherige Bundesvorsitzende Sahra Wagenknecht hat in Berlin angekündigt, den Parteivorsitz niederzulegen. Künftig führen die bisherige Co-Vorsitzende Amira Mohamed Ali und der frühere Bundestagsabgeordnete und heutige Europaabgeordnete Fabio De Masi die Partei. De Masi sprach von einem Schritt „mit großer Überzeugung“ – verbunden mit der Diagnose, das BSW werde „weiter gebraucht“. Das deckt sich mit den strategischen Überlegungen der Partei: personelle Entlastung an der Spitze, inhaltliche Zuspitzung durch eine zentrale Denkstelle.

Wagenknechts neue Rolle: Inhalte, nicht Tagesgeschäft
Anstatt des Tagesgeschäfts will Wagenknecht fortan die Grundwertekommission aufbauen und leiten. Das ist im Parteienalltag die Stelle, an der programmatische Linien und rote Linien verlässlich formuliert werden. Politisch bedeutet das: weniger Mikrofon, mehr Manuskript – aber weiterhin Einfluss mit Sitz und Stimme im Vorstand. Klar ist ebenfalls: Im Falle einer erfolgreichen Neuauszählung der Bundestagswahl, die das BSW über die Fünf-Prozent-Hürde heben würde, stünde Wagenknecht bereit, die Fraktion im Bundestag zu führen. Juristisch ist das unproblematisch; politisch wäre es ein Signal maximaler Geschlossenheit.

Namensfrage: Kürzel bleibt, Bedeutung wackelt
Das Kürzel BSW soll bleiben, aber nicht länger für „Bündnis Sahra Wagenknecht“ stehen. Zwei Vorschläge liegen öffentlich auf dem Tisch:

  • „Bündnis Soziale Gerechtigkeit und Wirtschaftliche Vernunft“ (Vorschlag der Parteiführung)
  • „Bürger schaffen Wandel – Vernunft und Gerechtigkeit“ (Vorschlag aus Rheinland-Pfalz)
    Die Entscheidung fällt in Magdeburg. Formell handelt es sich um eine satzungsrelevante Weichenstellung mit politischer Signalwirkung: weg von der Personalisierung, hin zu einer inhaltlichen Dachmarke. Wer Parteien für Personalvehikel hält, darf hier umlernen.

Warum jetzt? Die Lage hinter den Kulissen

  • Umfragen: bundesweit 3–4 Prozent, nach starken Ergebnissen bei der Europawahl und in ostdeutschen Landtagen 2024 zuletzt schwache Werte. Der Einzug in den Bundestag misslang knapp. Das BSW kämpft juristisch um eine Neuauszählung – Ausgang offen.
  • interne Konflikte: In Brandenburg verschärfte Uneinigkeit über zwei Medienstaatsverträge die Lage einer Landeskoalition; in Sachsen-Anhalt gibt es massiven Streit im Landesvorstand.
  • strategische Frage: Mitregieren oder auf Distanz bleiben? In Thüringen wird die Regierungsbeteiligung parteiintern kontrovers diskutiert. Kurz: Regierungsfähigkeit will erworben, nicht behauptet werden.

Programmatik: Soziale Kante ja – Rechtsruck nein
Das BSW hält an den bekannten Schwerpunkten fest:

  • soziale Gerechtigkeit: höhere Renten, Entlastung unten, stärkere Besteuerung großer Vermögen.
  • Sicherheits- und Außenpolitik: Skepsis gegenüber steigenden Rüstungsetats und weiteren Hilfen für die von Russland angegriffene Ukraine; eine Position, die im Plenum Applaus und Widerspruch garantiert.
  • Migration: Die Partei wirbt für eine striktere Linie. Einordnung: Wer Probleme lösen will, investiert in Integration, Sprachförderung, Bildung, Arbeitsmarktzugang und kommunale Infrastruktur. Abschiebungen sind politisches Theater mit hoher Folgekostenquote und geringer Steuerungswirkung. Empirisch spricht viel dafür, dass Kommunen mit früher Integration bessere Sicherheits- und Beschäftigungswerte erreichen als solche mit Blockadepolitik. Wer hier nach AfD-Handbuch schärfer, härter, lauter fordert, landet zuverlässig bei Symbolik statt bei Wirksamkeit.

Was bedeutet der Wechsel?

  • Entpersonalisierung: Eine Partei, die ihren Namen entpersonalisiert, professionalisiert ihre Marke. Das verringert Reibung, erhöht aber die Verantwortung der Programmatik. Kurz: weniger Charisma-Rally, mehr konsistentes Angebot.
  • Machtarchitektur: Mit Mohamed Ali und De Masi an der Spitze und Wagenknecht als programmatischem Schwergewicht entsteht ein Dreiklang, der intern Checks and Balances schafft – sofern die Kommission nicht zum Neben-Vorstand wird.
  • Wahlkampf-Fitness: Wer unter fünf Prozent liegt, braucht Klarheit, Tempo und Konfliktfähigkeit – allerdings ohne den toxischen Populismus, den die AfD industriell herstellt. Demokratische Parteien lösen Probleme; sie bewirtschaften sie nicht.

Länderperspektive: Wo das BSW liefern muss

  • Koalitionsfähigkeit: In den Ländern entscheidet sich, ob das BSW mehr sein will als Oppositionshandwerk. Wer regieren will, unterschreibt Staatsverträge, statt sie permanent zu zerreden – oder benennt bessere Alternativen.
  • Ostdeutschland: Zielmarke bleibt: in allen Landtagen vertreten sein. Das setzt verlässliche Strukturen und weniger Personalkrisen voraus.

Kommunikation und Tonlage
Der öffentliche Eindruck „Profil unscharf, interne Störungen laut“ frisst Vertrauen. Der Gegenentwurf ist banal: klare Linien, belastbare Zahlen, verlässliche Gesichter. Medienpolemik mit Kriegsvergleichen ist entbehrlich; seriöse Politik steht auf Fakten, nicht auf Schaumkronen. Wer die AfD kopieren will, verliert – und zwar an das Original.

Fazit
Dieser Führungswechsel ist kein Rückzug, sondern eine Reorganisation: Wagenknecht wechselt vom Chefsessel an den Zeichentisch, während Mohamed Ali und De Masi die politische Betriebsführung übernehmen. Gelingt die Schärfung des Profils und die Befriedung der Landesverbände, hat das BSW wieder Luft nach oben. Misslingt sie, bleibt es beim Status einer laut wahrnehmbaren, aber bundespolitisch unterkritischen Größe. Der Ball liegt – im besten demokratischen Sinne – bei den Mitgliedern und Wählerinnen und Wählern.

FAQ

  • Wann fällt die Entscheidung zum neuen Parteinamen?
    Auf dem Parteitag in Magdeburg am 6. und 7. Dezember. Dort entscheidet die Partei über die neue Langform; das Kürzel BSW soll bleiben.
  • Kommt das BSW doch noch in den Bundestag?
    Das hängt von der gerichtlichen Bewertung der beantragten Neuauszählung ab. Politisch ist das möglich, juristisch offen – und beides sollte man nicht verwechseln.

9. November: Steinmeier warnt vor rechtsextremen Gefahren – AfD kritisiert Äußerungen zum Parteiverbot

Der 9. November gilt als Tag der historischen Bruchstellen in Deutschland: 1918 die Ausrufung der Republik, 1938 die nationalsozialistischen Novemberpogrome, 1989 der Mauerfall. Anlässlich dieses Datums hielt Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier in Berlin eine Grundsatzrede zu Zustand und Belastungsproben der Demokratie.

Steinmeier warnte, Demokratie und Freiheit seien so stark angegriffen wie noch nie seit der Wiedervereinigung. Die Bedrohung gehe vor allem von rechtsextremen Kräften aus, die demokratische Institutionen angreifen und Zuspruch gewönnen. Ohne eine Partei beim Namen zu nennen, grenzte er jede Form der politischen Zusammenarbeit mit Extremisten ab – weder in Regierungen noch in Parlamenten. Gleichzeitig rief er Bürgerinnen und Bürger zu sichtbar gelebter Demokratie auf: „Mischen Sie sich ein“ – in Parlamenten, Vereinen, Schulen, am Arbeitsplatz und im Alltag.

Zur Frage möglicher Parteiverbotsverfahren positionierte sich Steinmeier mit einer rechtlichen Klarstellung: Ein Verbot sei die Ultima Ratio der wehrhaften Demokratie. Ob die strengen Voraussetzungen vorliegen, müsse sorgfältig geprüft werden. Bis zu einer Entscheidung dürfe Politik und Gesellschaft nicht in Untätigkeit verfallen. Mitte-rechts-Parteien mahnte er, eine klare Brandmauer zu rechtsextremen Positionen aufrechtzuerhalten; zugleich warnte er links der Mitte vor Debattenverengung durch pauschale Zuschreibungen.

Ein Schwerpunkt der Rede war der anhaltende und zuletzt teils offen zutage tretende Antisemitismus. Steinmeier betonte, Antisemitismus müsse unabhängig von seiner Herkunft – ob rechts, links oder islamistisch – entschieden bekämpft werden. Vor dem Hintergrund des 7. Oktober 2023 sprach er von einem sprunghaften Anstieg antisemitischer Vorfälle in Deutschland.

Deutliche Kritik an Steinmeiers Ausführungen kam aus der AfD. Der Erste Parlamentarische Geschäftsführer der AfD-Bundestagsfraktion, Bernd Baumann, sprach von Amtsmissbrauch und interpretierte die Rede als faktische Aufforderung zu einem Verbotsverfahren gegen seine Partei. AfD-Co-Parteichefin Alice Weidel warf dem Bundespräsidenten parteipolitisches Agieren vor. Steinmeier hatte die AfD in seiner Rede nicht namentlich erwähnt.

Rechtlicher Kontext: Parteiverbot und wehrhafte Demokratie
– Verfassungsgrundlage: Art. 21 Abs. 2 Grundgesetz. Parteien, die nach Zielen oder Verhalten darauf ausgehen, die freiheitliche demokratische Grundordnung zu beeinträchtigen oder zu beseitigen, können verboten werden. Zuständig ist ausschließlich das Bundesverfassungsgericht. Die Hürden sind hoch.
– Präzedenzfälle: SRP (1952) und KPD (1956) wurden verboten. Ein NPD-Verbotsverfahren scheiterte 2003 aus Verfahrensgründen. 2017 stellte das Bundesverfassungsgericht fest, dass die NPD verfassungsfeindliche Ziele verfolgt, lehnte ein Verbot aber mangels „konkreter Anhaltspunkte von Gewicht für die Durchsetzung“ ab. Das unterstreicht, dass die Ultima Ratio nur bei belegbarer Wirksamkeit und Gefahr greift.
– Begriff „wehrhafte Demokratie“: Der Staat schützt die demokratische Ordnung gegen ihre Feinde mit rechtsstaatlichen Mitteln. Dazu zählen neben Parteiverboten auch Maßnahmen des Verfassungsschutzes, Beamtenrecht (Treuepflicht), strafrechtliche Normen und die politische Nicht-Zusammenarbeit mit Extremisten.

Historische Einordnung des 9. November
Der Tag bündelt Licht und Schatten deutscher Geschichte: die Demokratisierung 1918, die katastrophale Entgrenzung antisemitischer Gewalt 1938 und das Ende der deutsch-deutschen Teilung 1989. Steinmeier knüpfte daran die Mahnung, demokratische Errungenschaften weder zu trivialisieren noch als selbstverständlich zu behandeln.

Fazit
Steinmeiers Rede markiert eine klare Absage an Kooperation mit extremistischen Kräften und bekräftigt die Leitplanken der wehrhaften Demokratie. Die Reaktionen der AfD verdeutlichen die politische Kontroverse um die Auslegung der präsidialen Rolle und um die Frage, wo legitime Warnung endet und parteipolitische Bewertung beginnt. Juristisch bleibt festzuhalten: Ein Parteiverbot ist an enge, vom Bundesverfassungsgericht hoch angesetzte Voraussetzungen gebunden. Politisch bleibt der Auftrag, demokratische Debattenräume offen zu halten und zugleich klar gegenüber verfassungsfeindlichen Bestrebungen zu bleiben.

Windräder als Mikroplastik-Schleudern? Nein. Aktuelle Studien zerlegen den AfD-Mythos

Vorweg die juristische Selbstverständlichkeit: Wer Tatsachen behauptet, trägt die Beweislast. Die AfD im Düsseldorfer Landtag verbreitet seit Anfang November die Behauptung, pro Windrad entstünden „eine Tonne“ Mikroplastik-Abrieb, hochgerechnet aus angeblich 40 Kilogramm pro Jahr. Das klingt groß, ist aber fachlich klein. Aktuelle, begutachtete Studien und Verbandsangaben zeigen: Diese Zahl ist um Größenordnungen überzogen.

Worum es fachlich geht

  • Erosion an der Vorderkante von Rotorblättern ist real. Regen, Hagel, Schnee treffen die Blattspitzen mit Relativgeschwindigkeiten bis etwa 360 km/h; Tropfen wirken wie Schleifmittel. Dabei werden Partikel abgetragen.
  • Diese Partikelemissionen sind im Bereich Gramm pro Blatt und Jahr messbar. Sie können ohne Wartung die Aerodynamik beeinträchtigen, weshalb Betreiber Kanten reparieren und Schutzbeschichtungen einsetzen.
  • Aus Emission wird nicht automatisch Umweltlast: Relevanz entsteht erst aus Menge, Eintragsort und Persistenz. Genau hier scheitert die „Eine-Tonne“-Rhetorik.

Was die neuesten Studien tatsächlich zeigen

  • TU Dänemark, 2024 (technische Modellierung und Messdaten):
    • Onshore: ca. 8–50 g Abrieb pro Rotorblatt und Jahr.
    • Offshore: ca. 80–1.000 g pro Rotorblatt und Jahr.
    • Übliche Anlagen haben drei Rotorblätter. Selbst im Offshore-Maximum (1.000 g/Blatt/Jahr) ergibt das 3.000 g pro Anlage und Jahr. Über 25 Jahre: 75.000 g = 75 kg = 0,075 Tonnen.
  • Niederlande, 2024 (Schätzung moderner Offshore-Anlagen):
    • Rund 240 g Mikroplastik pro Anlage und Jahr. Über 25 Jahre: ca. 6 kg = 0,006 Tonnen.
  • Bundesverband WindEnergie (BWE), Positionspapier August 2024:
    • Mittelwert aus Praxisdaten: ca. 2,74 kg pro Anlage und Jahr (Spanne aus Key Wind Energy: 3,38 kg und Deutsche Windtechnik: 2,1 kg).
    • Über 25 Jahre: rund 68,5 kg = 0,069 Tonnen.

Fazit aus den Zahlen: Seriöse Bandbreite liegt – je nach Standort, Technik und Wartung – im Bereich einiger hundert Gramm bis weniger Kilogramm pro Anlage und Jahr. Eine „Tonne pro Windrad“ ist fachlich nicht haltbar. Punkt.

Einordnung: Gesamtmengen und relevante Vergleichsgröße

  • Deutschland (2024): ca. 28.766 Windenergieanlagen. Rechnen wir konservativ mit 3 kg pro Anlage und Jahr, ergibt das rund 86 Tonnen Abrieb jährlich.
  • Vergleich Straßenverkehr: Reifenabrieb in Deutschland liegt nach Fraunhofer UMSICHT bei bis zu 100.000 Tonnen pro Jahr – also um drei Größenordnungen höher. Andere Studien nennen teils noch höhere Werte.
  • Konsequenz: Wer Mikroplastik ernsthaft reduzieren will, findet die große Stellschraube nicht an der Windenergie, sondern auf der Straße.

Woher stammt die falsche „Tonne“?

  • Verweis der AfD: eine Ausarbeitung der Wissenschaftlichen Dienste des Bundestags (2020), die sich auf Fraunhofer IWES stützte. Dort wurde ein theoretischer „Worst Case“ von 45 kg pro Anlage und Jahr als obere Schranke gerechnet – ausdrücklich mit dem Hinweis, dass der reale Abrieb „mit hoher Wahrscheinlichkeit deutlich darunter“ liegt.
  • Aktueller Stand: Fraunhofer IWES verweist heute auf die neueren Angaben im BWE-Positionspapier (2024). Sprich: Die Wissenschaft hat nachgelegt – und die Zahlen wurden kleiner, nicht größer.

Technikfortschritt reduziert Abrieb zusätzlich

  • Schutzsysteme: Kantenfolien und belastbare Beschichtungen verringern Erosion deutlich.
  • Wartung: Condition Monitoring und regelmäßige Reparaturen halten die Aerodynamik stabil und senken Materialverlust.
  • Größere Rotoren bedeuten nicht automatisch mehr Abrieb; entscheidend sind Kantenbelastung, Betriebsführung und Schutzsystem.

Rechtlich-praktische Einordnung

  • Es handelt sich bei „eine Tonne pro Windrad“ um eine Tatsachenbehauptung. Für solche gilt eine gesteigerte Sorgfaltspflicht. Wer sie öffentlich verbreitet, sollte aktuelle, belastbare Quellen anführen – und nicht veraltete Worst-Case-Szenarien zu Gewissheiten umdeuten.
  • In der politischen Kommunikation darf man Meinung äußern. Was nicht geht: Fakten erfinden. Das ist kein Beitrag zur Debatte, sondern zur Desinformation.

Warum das politisch relevant ist

  • Die Energiewende ist kein „Umweltfreifahrtschein“, sie ist eine Infrastrukturaufgabe mit Prüfpflichten und Standards – genau deshalb gibt es Normen, Genehmigungen, Monitoring.
  • Wer die Energiewende als „gewaltige Umweltsünde“ tituliert, ignoriert den realen Nutzen: Klimaschutz, Energieunabhängigkeit, Luftreinhaltung. Und verwechselt mikroskopische Abriebmengen mit makroskopischer Problemlösung.
  • Kurz: Wer saubere Luft, weniger CO₂ und weniger geopolitische Abhängigkeiten will, bekommt das mit Windenergie – nicht mit Schlagworten.

Kurzfazit

  • Nein, Windräder sind keine Mikroplastik-Schleudern. Ja, es gibt Abrieb – in Gramm- bis niedrigen Kilogramm-Bereichen pro Jahr und Anlage.
  • Selbst die oberen seriösen Schätzungen liegen weit unter der von der AfD verbreiteten „Tonne pro Windrad“.
  • Wer Klimaschutz sabotieren will, versucht Angst zu verkaufen. Wer Verantwortung übernimmt, arbeitet mit Zahlen.