Was auf den ersten Blick wie ein weiteres „Sicherheitspaket“ aus dem Hause des Innenministers Dobrindt wirkt, ist in Wahrheit ein Frontalangriff auf unsere Grundrechte, die digitale Selbstbestimmung und die rechtlichen Standards der Europäischen Union. Während der Minister von Effizienz und Terrorabwehr spricht, planen seine Entwürfe nichts weniger als die biometrische Massenüberwachung der Bevölkerung – flächendeckend, automatisiert und ohne jeden demokratischen Anspruch.
1. Biometrische Fahndung im Internet: Der gläserne Bürger wird Realität
Dobrindt will sich das Internet untertan machen – mit der Absicht, Gesichtsbilder, Stimmen und Bewegungsmuster von Millionen Menschen aus öffentlich zugänglichen Quellen zu extrahieren, zu analysieren und mit Polizei- und Migrationsdatenbanken zu verknüpfen. Dabei wird gezielt ignoriert, dass solche Maßnahmen nach Artikel 5 der europäischen KI-Verordnung schlichtweg verboten sind.
Was nach Science-Fiction klingt, ist bittere Realität: Jede Person, die ein Selfie postet, ein Video hochlädt oder in einem Gruppenbild zu sehen ist, läuft Gefahr, ungewollt Teil einer gigantischen staatlichen Überwachungsmaschinerie zu werden.
Constanze Kurz vom CCC bringt es auf den Punkt:
„Millionen Gesichter würden zum biometrischen Rohstoff für automatisierte Suchen. Dass der Innenminister dabei über europäische Datenschutzregeln hinweggeht, zeigt eine beunruhigende Ignoranz gegenüber bestehenden Rechten.“
Diese Pläne ignorieren nicht nur das Recht auf Privatsphäre – sie drohen, es abzuschaffen.
2. Rasterfahndung 2.0: Die „Superdatenbank“ made by Palantir
Während Grundrechte ins digitale Nirwana gesprengt werden, soll gleichzeitig eine zentrale, KI-gestützte „Superdatenbank“ entstehen, gespeist aus sämtlichen Polizeidaten des Bundes. Verdachtsunabhängig. Undurchsichtig. Gefährlich.
Dass ausgerechnet Palantir – ein US-Konzern mit direkten Verbindungen zur Trump-nahen Rechten – als möglicher Softwarelieferant im Raum steht, ist dabei kein schlechter Scherz, sondern ein sicherheitspolitisches Armutszeugnis. Palantir würde umfassenden Zugriff auf deutsche Polizeidaten erhalten – ein digitaler Souveränitätsverlust ersten Ranges.
Ergebnis: Die staatliche Kontrolle über persönliche Daten liegt nicht mehr beim Staat – sondern bei einem privatwirtschaftlichen Akteur aus den USA.
3. Rechtswidrig, verfassungsfeindlich, europarechtswidrig
Die geplanten Maßnahmen verstoßen gleich mehrfach gegen geltendes Recht:
- Gegen die EU-KI-Verordnung (Artikel 5 (1) lit. e)
- Gegen das Recht auf informationelle Selbstbestimmung
- Gegen das Verhältnismäßigkeitsprinzip
Frühere Versuche dieser Art – etwa in Hessen und Hamburg – wurden bereits vom Bundesverfassungsgericht gestoppt. Dass Dobrindt daraus nichts gelernt hat, beweist einmal mehr die rechtsstaatliche Orientierungslosigkeit seiner Politik.
4. Gefahr für marginalisierte Gruppen und demokratische Grundordnung
Wie alle automatisierten Systeme bergen KI-Analysen erhebliche Risiken der Diskriminierung – vor allem gegenüber bereits benachteiligten Menschen. Ob People of Color, Geflüchtete oder Menschen mit Migrationsgeschichte: Die Fehlerquote dieser Systeme trifft fast nie den Täter, sondern fast immer die Falschen.
Und noch etwas: Wer heute eine derartige Überwachungsstruktur aufbaut, liefert sie morgen den falschen Händen aus. Wer glaubt, dass rechtsextreme Kräfte nie wieder Regierungsverantwortung übernehmen werden, sollte sich die politischen Entwicklungen in Europa genauer anschauen. Eine Infrastruktur für Totalüberwachung darf in keinem demokratischen Staat existieren – schon gar nicht in Zeiten zunehmender autoritärer Tendenzen.
5. Die Forderung der Zivilgesellschaft: Rücknahme. Sofort.
In einem offenen Brief fordern zahlreiche Organisationen – darunter der CCC, Amnesty International, D64, Humanistische Union, FIfF und viele mehr – die sofortige Rücknahme des Gesetzesentwurfs.
Die Kernforderungen lauten:
- Verbot von automatisierten biometrischen Abgleichen im Netz
- Stopp der geplanten „Superdatenbank“
- Kein Einsatz von Palantir oder ähnlichen Konzernen
- Erhalt und Stärkung digitaler Souveränität
- Grundrechtskonforme Polizeiarbeit statt Science-Fiction-Überwachung
Fazit:
Das sogenannte „Sicherheitspaket 2.0“ ist kein Sicherheitsgewinn, sondern ein sicherheitspolitischer Blindflug – mit potenziell irreparablen Schäden für unsere Demokratie. Während konservative Innenminister von Kontrolle träumen, droht der Rechtsstaat zu einem technokratischen Überwachungsregime zu verkommen.
Die Zeit des Wegsehens ist vorbei.
Dieser Entwurf muss weg.