Die Veröffentlichung der wissenschaftlichen Studie über „Sexuellen Missbrauch an Minderjährigen“ in der katholischen Kirche vor fünf Jahren sorgte für weltweite Aufmerksamkeit. Die damalige Herbstvollversammlung der deutschen Bischöfe in Fulda wurde extra in einen größeren Saal verlegt, um Platz für die Pressekonferenz zu bieten. Die Studie, die von 1946 bis 2014 die Personalakten von Klerikern durchleuchtete, identifizierte 3.677 Kinder und Jugendliche als Opfer sexualisierter Gewalt und 1.670 potenzielle Täter, darunter Priester, Diakone und Ordensangehörige. Damals entschuldigte sich Kardinal Reinhard Marx, der Vorsitzende der Bischofskonferenz, im Namen der Kirche bei den Betroffenen und bezeichnete die Ergebnisse als die „Spitze des Eisbergs“.
Heute, fünf Jahre später, steht fest: Diese „Spitze des Eisbergs“ war nur der Anfang einer langen und schwierigen Aufarbeitung. Die Psychiater, die die Studie koordinierten, betonen nach wie vor, dass die ermittelten Zahlen nur die Oberfläche des Problems kratzen. Das „Dunkelfeld“ der nicht gemeldeten Fälle muss weiterhin erforscht werden. Doch weder die Politik noch die Kirche haben bisher Maßnahmen ergriffen, um diese Dunkelziffer zu erhellen.
Harald Dreßing, einer der Koordinatoren der Studie, fordert eine „Wahrheitskommission“ zur unabhängigen Aufarbeitung der sexualisierten Gewalt in der katholischen Kirche. Aktuell finden Aufarbeitungskommissionen in den Diözesen statt, die von der Kirche selbst eingesetzt wurden. Dreßing betont jedoch, dass eine „ehrliche Aufarbeitung“ in unabhängige Hände gelegt werden sollte, um das Vertrauen und die Glaubwürdigkeit wiederherzustellen.
Die unabhängige Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung, Kerstin Claus, hält die Studie für einen „Meilenstein“, da sie erstmals Zahlen zu diesem Thema geliefert hat. Sie lobt die Fortschritte in den Präventionsordnungen der Kirche, doch sieht noch Handlungsbedarf bei den Rechten der Betroffenen. Diese sollten Zugang zu ihren Akten erhalten, und die Kirche sollte transparenter bei der Aufarbeitung sein.
Johannes Norpoth, Sprecher des Betroffenenbeirats bei der Deutschen Bischofskonferenz, betont, dass die Aufarbeitung noch lange nicht abgeschlossen ist. Je mehr Betroffene sich melden, desto klarer wird das Ausmaß des Problems. Die Kirche muss wahrscheinlich ihre Entschädigungsleistungen erhöhen, da die staatlichen Schmerzensgeldtabellen oft nicht ausreichen.
Die Aufarbeitung der sexualisierten Gewalt wird die katholische Kirche noch viele Jahre beschäftigen. Gerade erst wurde bekannt, dass erstmals ein Kardinal, der 1991 verstorbene Bischof Franz Hengsbach, mutmaßlicher Täter ist. Dies zeigt, dass die Dunkelziffer der Fälle immer noch hoch ist und die Kirche noch einen weiten Weg vor sich hat, um Verantwortung zu übernehmen und Gerechtigkeit für die Opfer zu gewährleisten.
