In einem überraschenden Schritt hat Annette Kurschus, die Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), heute ihren Rücktritt von sämtlichen Ämtern bekannt gegeben. Die Entscheidung kommt im Zuge von Vorwürfen, sie habe während ihrer Zeit als Gemeindepfarrerin in Siegen einen Fall sexuell übergriffigen Verhaltens vertuscht. Der Rücktritt markiert einen Paukenschlag in der Geschichte der EKD und wirft Fragen nach der Aufklärung von sexueller Gewalt in der Kirche auf.
Hintergrund:
Annette Kurschus, die sowohl das Amt der Ratsvorsitzenden der EKD als auch das der Präses der Evangelischen Kirche von Westfalen innehatte, begründete ihren Rücktritt damit, dass das Vertrauen der Öffentlichkeit in ihre Person Schaden genommen habe. Die Kritik an ihrer Rolle in einem laufenden Ermittlungsverfahren gegen einen früheren Kirchenmitarbeiter, der in den 1990er-Jahren in Siegen tätig war, war in den letzten Tagen stark angewachsen.
Die Staatsanwaltschaft ermittelt in mehreren Verdachtsfällen gegen den Beschuldigten, der junge Männer sexuell bedrängt haben soll. Es wird behauptet, dass Kurschus als Gemeindepfarrerin in Siegen bereits Ende der 1990er-Jahre über Vorwürfe sexuellen Fehlverhaltens gegen den Kirchenmitarbeiter informiert gewesen sei, diese jedoch nicht gemeldet habe.
Die Entscheidung und ihre Folgen:
In einer Pressekonferenz in Bielefeld erklärte Kurschus, dass die Entscheidung, von beiden Ämtern zurückzutreten, nicht leicht für sie gewesen sei. Der Vertrauensverlust habe jedoch die Aufklärung zum Thema sexuelle Gewalt in der Evangelischen Kirche erschwert. Ihr Rücktritt ist der dritte in der Geschichte der EKD seit 1948.
Der Umgang mit dem Fall und die schlechte Kommunikation seitens der Kirchenleitung werden kritisiert. Betroffene und ihre Angehörigen sollen sich nicht gut eingebunden gefühlt haben. Der NDR-Journalist Florian Breitmeier bemängelt, dass es keine klare Strategie gab, wie über den Fall kommuniziert wird.
Reaktionen und Ausblick:
Die Rücktrittsentscheidung von Kurschus führte zu weiteren Rücktritten, darunter der des ehemaligen Präsidenten des NRW-Verfassungsgerichtshofs, Michael Bertrams. Dieser bezeichnete den Vertrauensentzug als nicht gerechtfertigt und beklagte eine fehlende Unterstützung für Kurschus.
Vertreter der evangelischen Kirche dankten Kurschus für ihre bisherige Arbeit. Die Präses der EKD-Synode, Anna-Nicole Heinrich, hofft, dass der Rücktritt Raum für die Aufarbeitung des Falls schafft. Die kommissarische Übernahme des EKD-Ratsvorsitzes durch die Hamburger Bischöfin Kerstin Fehrs wurde als positiv bewertet.
Der Vorsitzende der katholischen Deutschen Bischofskonferenz, Georg Bätzing, bedauerte den Rücktritt und betonte die gemeinsame ökumenische Verantwortung in Deutschland.
Die Zukunft der Evangelischen Kirche steht vor Herausforderungen, da sie nun eine neue Führungsspitze finden muss und gleichzeitig die Aufklärung des sexuellen Fehlverhaltens vorantreiben sollte.
