Nach mehr als dreieinhalb Jahren in Untersuchungshaft könnte der ehemalige Wirecard-Manager Oliver Bellenhaus bald unter Auflagen freigelassen werden, so das Landgericht München I. Bellenhaus gilt als wichtigster Zeuge der Anklage im Wirecard-Prozess, in dem es um mutmaßlichen gewerbsmäßigen Bandenbetrug, Marktmanipulation und Beihilfe zur Bilanzfälschung geht. Er hatte in seinen Aussagen sowohl Ex-Wirecard-Boss Markus Braun als auch den geflüchteten Ex-Vorstand Jan Marsalek schwer belastet.
Seit einem Jahr sitzt Bellenhaus gemeinsam mit Braun und dem ehemaligen Chefbuchhalter Stephan E. auf der Anklagebank. Die Angeklagten sollen über Jahre hinweg Umsätze und Gewinne in Milliardenhöhe erfunden haben, um Wirtschaftsprüfer, Anleger und Gläubiger zu täuschen. Bellenhaus‘ umfangreiche Aussagen machten ihn zum wichtigsten Zeugen in diesem Skandal.
Das Landgericht München I sieht nun offenbar keinen Grund mehr, Bellenhaus weiter in Untersuchungshaft zu halten. Diese Entscheidung könnte darauf hindeuten, dass das Gericht seinen Aussagen Glauben schenkt und es nicht mehr für verhältnismäßig hält, ihn länger im Gefängnis zu behalten. Auch die Staatsanwaltschaft hat offenbar keine Einwände gegen die Freilassung.
Bellenhaus hatte das sogenannte Drittpartner-Geschäft von Wirecard in Asien betreut und von Dubai aus agiert. Dabei sollen er, Braun und Marsalek das Geschäft erfunden haben, bei dem angeblich unabhängige Partnerfirmen die Abwicklung von Kreditkartenzahlungen im Internet übernahmen. Die vermeintlichen Gewinne aus diesem Geschäft sollten auf Treuhandkonten fließen, doch als im Juni 2020 klar wurde, dass diese Konten leer waren, kollabierte Wirecard.
Das Gericht könnte Bellenhaus‘ Freilassung als Zeichen dafür interpretieren, dass es seinen Darstellungen und seiner Version der Ereignisse glaubt. Die Staatsanwaltschaft hatte offenbar keine Einwände gegen seine Freilassung. Bellenhaus könnte damit sein Ziel erreichen, als Kronzeuge anerkannt zu werden und einen entsprechenden Strafrabatt zu erhalten.
Die Entwicklungen im Wirecard-Prozess bleiben weiterhin spannend, und die nächsten Verhandlungstage werden zeigen, wie das Gericht und die Staatsanwaltschaft mit den belastenden Aussagen und den Anschuldigungen der verschiedenen Akteure umgehen.
