Eklat beim SWR: Pocher, der Schmutz und die ARD

Wenn Comedy zur Bloßstellung wird

Drei Tage. So lange hat es gedauert, bis die tapferen Verfechter der Kunstfreiheit beim SWR unter dem massiven Druck der Öffentlichkeit einknickten. Was war passiert? Oliver Pocher, bekannt für seine grenzwertigen Auftritte, hat während des SWR-Sommerfestivals in Stuttgart mal wieder eine Grenze überschritten.

Pochers „Kunst“ im Rampenlicht

Auf dem SWR-Sommerfestival in Stuttgart hat Pocher eine etwa 35-jährige Zuschauerin mit dem Mikrofon überrumpelt und ihr intime Details aus ihrem Sexualleben entlockt. Nachdem die Frau ihm auch noch ihren Arbeitgeber verraten hatte, verspottete Pocher sie 45 Minuten lang wegen ihres Singledaseins und ihrer Jungfräulichkeit. Der Gipfel der Peinlichkeit: Die Frau wandte sich weinend an die SWR-Aufnahmeleitung und bat darum, die entsprechenden Passagen nicht auszustrahlen. Doch der SWR hatte nie geplant, das Sommerfestival im Fernsehen zu zeigen.

Stattdessen lud Pocher ein Video auf seinem Instagram-Kanal hoch und prahlte mit seinem „super Auftritt in Stuttgart“. Seine „Kunst“ besteht darin, Menschen öffentlich zu demütigen – und das vor einem Publikum, das ihn dafür auch noch beklatscht.

Kunstfreiheit versus Menschlichkeit

Zunächst wollte der SWR „keine künstlerischen Programme bewerten“ und sah keinen Anlass, Pocher zu rügen. Doch nach einer Welle der Empörung ruderte der Sender zurück. Auf der Website des SWR erschien eine schwächlich im Konjunktiv gehaltene Distanzierung: „Für den SWR hätten derartige verletzende Bloßstellungen in einem öffentlich-rechtlichen Angebot nichts verloren.“

Hätten? Warum nicht klar sagen: „Haben“? Das Statement kam erst nach zwei Dutzend kritischer Artikel und drei Tagen Bedenkzeit. Es wirft die Frage auf: Wie sehr kann man sein Publikum eigentlich nicht mögen?

Die Suche nach dem jungen Publikum

Der SWR wollte mit Pocher ein Publikum ansprechen, das sonst nur unzureichend versorgt würde – die sogenannten „jungen Leute“. Aber welche Vorstellung hat der SWR von diesem Publikum? Eine Masse humor- und anspruchsloser, menschenverachtender Nachwuchsarschlöcher? Das zeigt ein erschreckendes Bild davon, wie der Sender sein junges Publikum wahrnimmt.

Interessant ist auch die Resonanz: Laut Stuttgarter Zeitung war Pochers Auftritt die schwächste Veranstaltung des Festivals. Während die Tatort-Premiere 5000 Zuschauer anzog und Pop & Poesie 4000 Menschen begeisterte, lockte Pocher nur 1350 Menschen auf den Schlossplatz – bei bestem Wetter.

Ein misslungener Versuch

Am Ende heißt es in der Stellungnahme des SWR: „Der Versuch, mit Pocher sei bedauerlicherweise völlig misslungen.“ Fehler können passieren, aber die Einladung eines Zynikers wie Pocher wiegt schwerer als dessen erwartbar respektloser Auftritt.

Vielleicht sollte die ARD endlich aufhören, ihr Publikum für so dumm zu verkaufen, wie es Oliver Pocher tut. Ein bisschen Respekt und Menschenwürde könnten Wunder wirken – auch beim Versuch, die „jungen Leute“ zu erreichen.

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