Endlich in der neuen Wohnung angekommen, die Umzugskartons ausgepackt und die Möbel halbwegs an Ort und Stelle. Jetzt noch schnell den neuen Wohnsitz anmelden und das Leben kann beginnen – normalerweise ein klassischer Fall für den Gang zum Amt. Doch einige Kommunen, darunter Wiesbaden, bieten eine moderne Alternative: die digitale Wohnsitzanmeldung per Videoident-Verfahren. Doch wie sicher ist diese Methode wirklich?
Der digitale Gang zum Amt
In Wiesbaden können Bürger
ihren Wohnsitz bequem online an- und ummelden. Dazu bietet die Stadt das Videoident-Verfahren an, bei dem man in einem Videotelefonat den Personalausweis vor die Kamera hält, um die Identität zu bestätigen. Klingt praktisch, aber der Teufel steckt bekanntlich im Detail.
Videoident: Einfach, aber angreifbar
Das Verfahren ist in anderen Bereichen, etwa bei Banken, schon länger im Einsatz. Doch in der öffentlichen Verwaltung ist es noch relativ neu. IT-Sicherheitsexperten und der Chaos Computer Club (CCC) haben jedoch schon 2022 gezeigt, wie leicht die Sicherheitsmechanismen des Videoident-Verfahrens überwunden werden können. Sie gelangten in einem Testzugriff auf die elektronische Patientenakte einer Person – eine ernüchternde Demonstration.
Warum kein Verbot?
Obwohl die Gematik, verantwortlich für die Infrastruktur des deutschen Gesundheitswesens, das Videoident-Verfahren nach diesem Vorfall für Krankenkassen verboten hat, gibt es kein generelles Verbot. Das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) stuft Videoident als „prinzipiell angreifbar“ ein, zögert aber, ein Verbot auszusprechen. Besonders problematisch ist dies bei Anwendungen, die ein hohes Vertrauensniveau erfordern, wie das Ändern der Meldeadresse.
Wiesbaden und Köln: Vorreiter oder Risikopioniere?
Wiesbaden sieht das Videoident-Verfahren als Fortschritt und möchte den Online-Zugang zu Verwaltungsleistungen ausbauen. Auch der Kölner Digitalisierungsausschuss hat beschlossen, das Verfahren zu prüfen. Kritiker wie IT-Experte Martin Tschirsich warnen jedoch vor den Gefahren und den möglichen Missbräuchen durch Angreifer, die das System austricksen könnten.
Gefahren und Manipulationen
Forscher haben bereits 2018 gezeigt, wie leicht sich Sicherheitsmerkmale auf Ausweisen per Videoübertragung manipulieren lassen. Das könnte dazu führen, dass Angreifer falsche Identitäten verwenden und unberechtigt auf vertrauliche Daten zugreifen. Für echte Personen könnten die Folgen gravierend sein, beispielsweise durch die unbefugte Änderung ihrer Meldeadresse.
Gesetzliche Herausforderungen
Ein weiteres Problem: Das Gesetz verlangt, dass der Ausweis physisch vorgelegt wird, was per Video nicht möglich ist. Nur im direkten Kontakt können alle Prüfmerkmale des Ausweises überprüft werden. Videoident liefert hingegen nur eine digitale Kopie, die rechtlich nicht die gleiche Beweiskraft hat wie das Originaldokument.
Fazit: Chance oder Risiko?
Das Videoident-Verfahren könnte den Gang zum Amt ersparen und Verwaltungsprozesse digitalisieren. Doch die Sicherheitsbedenken sind nicht zu unterschätzen. Während einige Kommunen wie Wiesbaden und Köln die Methode als innovativen Fortschritt sehen, mahnen Experten zur Vorsicht. Der digitale Fortschritt darf nicht auf Kosten der Sicherheit gehen – und so bleibt die Frage, ob wir wirklich den Schritt in diese digitale Zukunft wagen sollten oder ob wir lieber weiterhin auf den sicheren, wenn auch mühsamen, Gang zum Amt setzen sollten.
Ein bisschen wie bei einem guten alten Videospiel: Manchmal lohnt es sich, die Abkürzung zu nehmen, aber manchmal führt der Umweg zum Ziel – und zwar sicher und ohne böse Überraschungen.
