In der Welt der Geheimdienste gibt es wenige Figuren, die so viel Aufmerksamkeit auf sich ziehen wie Bernd Schmidbauer. Einst Geheimdienstkoordinator der Bundesregierung unter Helmut Kohl, bewegt sich der 85-Jährige auch heute noch in den Schatten der Spionage. Nun ermittelt die Staatsanwaltschaft Wien gegen ihn.
Die schillernde Vergangenheit und aktuelle Ermittlungen
Bereits in den 1990er-Jahren war Schmidbauer eine schillernde Figur. Als Staatsminister im Kanzleramt und Geheimdienstkoordinator unter Bundeskanzler Helmut Kohl, war er eine Schlüsselfigur in den Geheimdienstkreisen Deutschlands. Doch auch lange nach seiner aktiven Zeit bleibt Schmidbauer im Visier der Ermittler. Die Staatsanwaltschaft Wien bestätigte dem SWR, dass gegen ihn wegen des Verdachts der „Bestimmung zur Verletzung des Amtsgeheimnisses“ ermittelt wird. Im deutschen Recht entspricht dies etwa der Anstiftung zu einer Straftat. Weitere Details sind jedoch nicht bekannt.
Verbindungen zu Jan Marsalek
Im Jahr 2018, eineinhalb Jahre vor dem spektakulären Zusammenbruch des Dax-Konzerns Wirecard, traf Schmidbauer Jan Marsalek in dessen Münchner Villa. Marsalek, der mittlerweile als mutmaßlicher russischer Spion gilt, interessierte sich angeblich für Nachrichtendiensttechnik und Libyen. Zu dieser Zeit waren Marsaleks Verbindungen zu russischen Geheimdiensten noch nicht öffentlich bekannt.
Österreichische Verstrickungen
Die Geschichte wird noch spannender: Schmidbauer hatte 2018 und 2019 wiederholt Kontakt zu Personen aus dem Umfeld einer mutmaßlichen russischen Spionagezelle in Österreich. Diese Zelle soll von Marsalek geführt worden sein. Eine Schlüsselfigur in diesem Skandal ist der ehemalige Polizei-Chefinspektor Egisto Ott, der am Karfreitag 2024 festgenommen wurde. Laut Recherchen internationaler Medien arbeitet Marsalek seit etwa zehn Jahren für Russland.
Fotos und Geheimnisse
Neue Informationen werfen weitere Fragen auf: Es gibt Bilder, die Ott, Schmidbauer, einen Vertrauten Schmidbauers und eine unbekannte Person bei einem Restaurantbesuch zeigen. Diese Bilder sollen im Januar 2019 an Johannes Peterlik, damals ranghöchster Mitarbeiter der parteilosen Außenministerin Karin Kneissl, weitergeleitet worden sein. Peterlik wird verdächtigt, einen geheimen Untersuchungsbericht der OPCW zum Nowitschok-Attentat auf Sergej Skripal an Ott weitergegeben zu haben, der schließlich bei Marsalek landete.
Schmidbauers Version der Ereignisse
Schmidbauer meldete sich Ende August 2022 bei der Staatsanwaltschaft München I und bot sich als Zeuge an. Im November desselben Jahres erklärte er, dass ein hochrangiger Brigadier aus dem österreichischen Verteidigungsministerium die Informationen betreffend Nowitschok weitergab. Dieser Brigadier, Gustav G., habe die Informationen in Marsaleks Münchner Villa übergeben. Als Quelle nannte Schmidbauer Martin Weiss, einen ehemaligen Mitarbeiter des Österreichischen Bundesamts für Terrorismusbekämpfung und Verfassungsschutz, der Marsalek nach dem Zusammenbruch von Wirecard zur Flucht nach Belarus verholfen haben soll.
Der enge Kontakt zu Martin Weiss
Bemerkenswert ist Schmidbauers jahrelanger enger Kontakt zu Weiss. Schmidbauer setzte sich 2018 bei der Staatsanwaltschaft Wien für Weiss ein, als dieser im Verdacht stand, Mitverfasser eines Konvoluts mit Falschanschuldigungen gegen BVT-Mitarbeiter zu sein. Dieses Konvolut führte zu einer Geheimdienstaffäre und zur Stürmung des BVT im Februar 2018, was letztlich die Auflösung der Behörde zur Folge hatte.
Das Ende der Pläne und der Humor der Geschichte
Mit dem Ende der ÖVP-FPÖ-Koalition von Sebastian Kurz und der Veröffentlichung des „Ibiza-Videos“ scheiterten die Pläne für einen neuen Geheimdienst. Schmidbauers Rolle in diesem komplexen Geflecht bleibt weiterhin rätselhaft und beschäftigt nicht nur österreichische, sondern auch deutsche Ermittler. Der CDU-Bundestagsabgeordnete Matthias Hauer zeigte sich überrascht über Schmidbauers verharmlosende Darstellung von Ott und Weiss im Wirecard-Untersuchungsausschuss.
Schmidbauers Verteidigung
Schmidbauer lässt über seinen Anwalt ausrichten, dass man versuche, ihn zu kriminalisieren. Sein Verhalten sei unbeanstandet, wie auch die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft Wien zeigen würden. Antworten auf Fragen zur Nähe Schmidbauers zu den Marsalek-Akteuren seien jedoch nicht möglich, da es sich um geheime Vorgänge handele.
In der Welt der Geheimdienste sind die Grenzen zwischen Held und Schurke oft fließend. Ob Bernd Schmidbauer am Ende als tragische Figur oder als raffiniertester Agent seiner Zeit in die Geschichte eingehen wird, bleibt abzuwarten. Doch eines ist sicher: Langweilig wird es mit ihm nie!
