Desinformation vor der Europawahl: Plattformen im Schneckentempo

Analyse zeigt: Soziale Netzwerke kämpfen lahm gegen Fake News

Vor der Europawahl sorgten zahlreiche Falschinformationen auf Plattformen wie X (ehemals Twitter) und YouTube für Wirbel. Laut einer Analyse der spanischen Non-Profit-Organisation „Maldita.es“ reagierten diese Netzwerke oft kaum auf Desinformationen in ihren Netzwerken. Experten sind wenig überrascht und sehen Handlungsbedarf.

Von Moskau bis Brüssel: Falschinformationen ohne Ende

Beschuldigungen, dass die Ukraine einen Terroranschlag in einer Moskauer Konzerthalle verübt habe, oder falsche Behauptungen über EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen und das angebliche Ende des „Verbrenner-Verbots“ kursierten vor der Europawahl munter in den sozialen Netzwerken. Viele dieser Postings erreichten Millionen von Menschen. Doch wie reagierten die Plattformen auf diese Desinformation?

Mangelnde Reaktion: Ein Schreckensbild

Der Bericht von „Maldita.es“ zeigt ein düsteres Bild: In mindestens 43 Prozent der Fälle unternahmen die Plattformen nichts Sichtbares gegen entlarvte Desinformationsinhalte. Die Analyse umfasste 1.321 Postings aus 26 europäischen Ländern, die zwischen dem 1. Februar und dem 6. Juni veröffentlicht wurden. Besonders YouTube erwies sich als träge. In 75 Prozent der analysierten Fälle griff die Plattform nicht ein, und wenn doch, dann meist nur mit allgemeinen Warnhinweisen, ohne den Inhalt wirklich zu erklären.

Unterschiedliche Reaktionen: TikTok löscht, X schläft

X, früher bekannt als Twitter, schnitt kaum besser ab. In 70 Prozent der Fälle blieb das Netzwerk untätig. Die wenigen Maßnahmen beschränkten sich oft auf minimalistische Eingriffe. TikTok hingegen löschte in 32 Prozent der Fälle desinformative Postings und war damit etwas aktiver.

Ein altes Lied: Die üblichen Verdächtigen

Lea Frühwirth vom Center für Monitoring, Analyse und Strategie (CeMAS) ist wenig überrascht über die Ergebnisse. Rund um Wahlen seien bestimmte Narrative erwartbar, oft mit dem Ziel, das Vertrauen in das demokratische System zu untergraben. Auch die Meta-Plattformen Facebook und Instagram schneiden in dem Bericht zwar vergleichsweise gut ab, sind aber keine Vorzeigekandidaten.

Transparenz und Kontrolle: Forderungen an die Plattformen

Christian Hoffmann, Professor für Kommunikationsmanagement an der Universität Leipzig, sieht die Analyse kritisch. Er weist darauf hin, dass die Inhalte-Moderation der Plattformen von außen intransparent sei. Zudem mahnt er, dass einige Faktencheck-Organisationen, die an „Elections24Check“ beteiligt sind, von Meta finanziert werden, was die Ergebnisse verzerren könnte.

Community Notes und strengere Regulierungen

Hoffmann lobt die „Community Notes“ von X, die es Nutzern ermöglichen, potenziell irreführenden Posts Kontext hinzuzufügen. Diese Methode könnte schneller und glaubwürdiger sein als professionelle Faktenchecker. Martin Emmer, Kommunikationswissenschaftler, sieht jedoch weitergehenden Handlungsbedarf. Er fordert, dass Plattformen stärker in die Pflicht genommen werden, um Desinformation wirksam zu bekämpfen.

Fazit: Ein Tropfen auf den heißen Stein

Obwohl nationale und europäische Regelungen wie das Netzwerkdurchsetzungsgesetz (NetzDG) und der Digital Services Act (DSA) Fortschritte bringen, bleibt viel zu tun. Die Plattformen müssen transparenter agieren und Forschern besseren Zugang zu Daten gewähren, um das Ausmaß und die Wirkung von Falschinformationen besser zu verstehen. Nur so kann das Vertrauen der Nutzer in die digitalen Räume wiederhergestellt werden.

Insgesamt zeigt die Analyse: Die großen Plattformen haben noch einen weiten Weg vor sich, um effektiv gegen Desinformation vorzugehen. Bis dahin bleibt es wohl bei kleinen Fortschritten und dem einen oder anderen verschlafenen Moment.

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