Eine Pandemie der Aufregung
„Wir erleben gerade vor allem eine Pandemie der Ungeimpften – und die ist massiv“ – mit diesen Worten sorgte der frühere Bundesgesundheitsminister Jens Spahn am 3. November 2021 für Aufsehen. Die Formulierung „Pandemie der Ungeimpften“ wurde schnell zum geflügelten Wort und von Politikern und Medien breit aufgegriffen. Doch nun sind bislang unveröffentlichte Protokolle des Robert Koch-Instituts (RKI) ans Licht gekommen, die genau diese Aussage in ein neues Licht rücken.
Ein Protokoll mit Sprengkraft
Die besagten Protokolle, die zwischen 2020 und 2023 erstellt wurden und nun veröffentlicht sind, enthalten einige brisante Details. Besonders das Dokument vom 5. November 2021 zieht Aufmerksamkeit auf sich. Darin wird die Formulierung „Pandemie der Ungeimpften“ als wissenschaftlich nicht korrekt bezeichnet. „In den Medien wird von einer Pandemie der Ungeimpften gesprochen. Aus fachlicher Sicht nicht korrekt, Gesamtbevölkerung trägt bei“, heißt es dort. Das Protokoll schlägt dennoch vor, diese Kommunikation fortzusetzen, um Ungeimpfte zum Impfen zu bewegen.
Ein Blick auf die Zahlen
Im November 2021 stiegen die Infektionszahlen in Deutschland stetig, die Sieben-Tage-Inzidenz lag bei 162. Rund 67 Prozent der Bevölkerung waren vollständig geimpft, und über zwei Millionen Menschen hatten bereits eine Auffrischungsimpfung erhalten. Laut RKI-Bericht traten die meisten Infektionen bei Ungeimpften auf, doch auch Geimpfte blieben nicht verschont. Die Zahl der Impfdurchbrüche variierte je nach Altersgruppe erheblich und nahm im Oktober 2021 besonders stark zu.
Expertenmeinungen: Ein zwiespältiges Bild
Der Virologe Martin Stürmer beschreibt die Formulierung „Pandemie der Ungeimpften“ als „etwas überspitzt“, da sie den Eindruck erweckte, nur Ungeimpfte seien betroffen. Tatsächlich hätten sich auch Geimpfte infiziert, wenn auch in geringerem Ausmaß. Die RKI-Zahlen bestätigten zwar, dass Ungeimpfte häufiger schwer erkrankten und die Intensivstationen füllten, doch die Übertragung des Virus erfolgte auch durch Geimpfte. Daher betonte das RKI stets die Notwendigkeit der AHA+L-Regeln (Abstand, Hygiene, Alltagsmaske, Lüften) für alle.
Ein Blick zurück: Was hätte anders laufen können?
Im Herbst 2021 dominierte die Delta-Variante in Deutschland, und erste Anzeichen der Omikron-Variante wurden international beobachtet. Diese neuen Varianten minderten die Schutzwirkung der Impfstoffe gegen eine Infektion, obwohl der Schutz vor schweren Verläufen weiterhin hoch blieb. Das Konzept 3G (geimpft, genesen, getestet) wurde erst im März 2022 beendet, was einige Experten im Nachhinein als zu spät erachten.
Ein politisches und kommunikatives Dilemma
Schon im November 2021 äußerten Wissenschaftler wie Christian Drosten und Hendrik Streeck Kritik an der Formulierung „Pandemie der Ungeimpften“. Sie wiesen darauf hin, dass dies eine vereinfachte Darstellung der komplexen Lage sei. Politiker und Medien reduzierten nach dieser Kritik die Nutzung des Begriffs deutlich.
Die aktuelle Diskussion zeigt, wie schwierig es ist, in einer Pandemie klare und verständliche Botschaften zu kommunizieren. Auch wenn die Aussage „Pandemie der Ungeimpften“ nicht völlig aus der Luft gegriffen war, erwies sie sich als problematisch. Letztlich bleibt festzuhalten: Ohne die Impfungen wäre Deutschland nicht so schnell aus der akuten Phase der Pandemie herausgekommen.
Fazit: Eine Lehre in Krisenkommunikation
Die Veröffentlichung der RKI-Protokolle erinnert uns daran, dass in Krisenzeiten nicht nur wissenschaftliche Fakten, sondern auch die Art und Weise der Kommunikation entscheidend sind. Der „Schwindel“ der „Pandemie der Ungeimpften“ zeigt, wie schnell Worte politisch aufgeladen und missverstanden werden können. Es bleibt zu hoffen, dass zukünftige Krisenkommunikation aus diesen Erfahrungen lernt und transparenter sowie präziser gestaltet wird.
