Vandalismus, Hetze und Hakenkreuze – Jugendsozialarbeit unter Beschuss
In Deutschland geraten Einrichtungen der offenen Kinder- und Jugendarbeit immer häufiger ins Visier von Rechtsextremen. Diese Angriffe sind alarmierend, denn gerade diese Jugendzentren sind von großer Bedeutung für viele junge Menschen.
Einbruch und Graffiti am Hexenberg-Bauspielplatz
Martin Karolczak, Geschäftsführer der GWA St. Pauli, steht vor einem Holzhaus auf dem Hamburger Hexenberg-Bauspielplatz. Eine fehlende Holzplanke und herausragende Splitter zeugen von einem Einbruchsversuch. „Hier haben sie versucht einzubrechen, wahrscheinlich mit einem Kuhfuß“, erklärt Karolczak. Die Hausfassade ist noch teilweise heller als der Rest – Überbleibsel von Graffiti-Entfernung, die rechtsextreme Parolen und Beleidigungen hinterließen.
Ziel der Attacke war offenbar ein monatliches Treffen für queere und non-binäre Jugendliche. Der Angriff erfolgte in der Nacht vor dem geplanten Treffen im Mai.
Gemeinsamer Widerstand
Nach dem Vorfall entfernte Karolczak gemeinsam mit der Jugendgruppe die Schmierereien. „Das war eine schöne Aktion, die gezeigt hat: Wir machen weiter und lassen uns nicht einschüchtern“, erinnert er sich. Dennoch bleibt die Bedrohung präsent. „Die Botschaft ist klar: Wir sehen euch und kommen zu euch, wenn ihr nicht aufpasst“, so der Hamburger Kriminologe Nils Schuhmacher.
Übergriffe auf die Jugendarbeit
Schuhmacher und seine Kollegen veröffentlichten 2021 die erste deutschlandweite Studie zu Übergriffen auf die Offene Kinder- und Jugendsozialarbeit. Angriffe häufen sich, und die Bedrohung steigt. „Sobald man sich für Vielfalt einsetzt, gerät man potenziell in den Blick rechter Akteure“, erklärt Schuhmacher.
Auch Rico Vtelensky und Tino Nicolai vom Demokratiebahnhof in Anklam, Mecklenburg-Vorpommern, erleben diese Bedrohung. Sie sehen sich Online-Hetze, Vandalismus und sogar einem Brandanschlag ausgesetzt. „Es wühlt auf, aber ich weiß, worauf ich mich einlasse“, sagt Vtelensky lachend. Ihr Engagement sei zu wichtig, um sich einschüchtern zu lassen.
Demokratiearbeit in Jugendzentren
Tino Nicolai betont die Bedeutung ihrer Arbeit: „Jede Arbeit mit jungen Menschen ist ein Stück Demokratiearbeit.“ Das gilt besonders, wenn Jugendliche in Gesprächen über Politik und deren Einfluss auf ihr Leben aufgeklärt werden. Diese Arbeit ist den Angreifern ein Dorn im Auge, denn sie wollen keine demokratische Bildung und Emanzipation der Jugendlichen, so Schuhmacher.
Politische Angriffe und Fördergelder
Neben physischen Angriffen gehören auch politische Manöver zum Repertoire der Angreifer. Kommunale Vertreter, oft aus rechtsextremen Kreisen, stellen die Legitimität der Projekte infrage und könnten versuchen, Fördergelder zu streichen. Schuhmacher warnt vor den jüngsten Wahlerfolgen der AfD, die der Partei viele zusätzliche Sitze in Stadt- und Gemeindevertretungen eingebracht haben. Entscheidungen über die finanzielle Zukunft vieler Projekte könnten gefährdet sein.
Zusammenhalt und Widerstand
Martin Karolczak und seine Kollegen bleiben dennoch optimistisch. „Wir sind nicht allein“, sagt er, „und wir lassen uns nicht unterkriegen.“ Einrichtungen wie der Demokratiebahnhof in Anklam und der Hexenberg-Bauspielplatz in Hamburg werden weiterhin ihre wichtige Arbeit fortsetzen – trotz aller Widrigkeiten. Denn das Schließen dieser Einrichtungen wäre nicht nur ein großer Verlust für die politische Kultur, sondern fatal für die demokratische Entwicklung unserer Gesellschaft.
