Auf dem 37. Chaos Communication Congress (37C3) in Hamburg enthüllte Roger Dingledine, Mitbegründer des Anonymisierungsnetzwerks TOR (The Onion Routing), die jüngsten Bemühungen verschiedener Staaten, den Dienst zu blockieren. In diesem Blog-Beitrag werfen wir einen Blick auf die präsentierten Informationen und analysieren die Auswirkungen in Russland, Iran, Turkmenistan und der Europäischen Union.
Russland: TOR im Fokus der Zensurmaßnahmen: Dingledine hob besonders die Vorgehensweise Russlands hervor. Bereits im Dezember 2021 wurde eine erhöhte Nutzung von TOR-Bridges außerhalb der normalen Infrastruktur in Russland beobachtet. Die russischen Behörden blockierten nicht nur den direkten Zugang zum TOR-Netzwerk, sondern sperrten auch eine zentrale IP-Adresse, die nicht nur TOR, sondern auch andere Dienste wie Skype betraf. Interessanterweise erhielt das TOR-Team Informationen von Insidern im russischen „Zensurministerium“, der Roskomnadsor, was auf die Komplexität der Zensurbemühungen hinweist.
Iran: Anstieg der TOR-Nutzung während der Proteste: Im Iran vervielfachte sich die Nutzung von TOR während der Frau-Leben-Freiheit-Proteste im Jahr 2022. Snowflake, eine Erweiterung für den TOR-Browser, spielte eine entscheidende Rolle, da sie sich schwer zensieren ließ. Dennoch musste das TOR-Projekt im Umgang mit den iranischen Zensurbemühungen mehrfach nachbessern, um den „User Impact“ zu minimieren.
Turkmenistan: Herausforderungen für TOR durch allgemeine Internetzensur: Dingledine räumte ein, dass Staaten wie Turkmenistan, die nicht gezielt Inhalte blockieren, sondern das Interneterlebnis insgesamt beeinträchtigen, eine Herausforderung darstellen. Hierbei geht es offenbar darum, für ein unzensiertes Internet zu zahlen, anstatt gezielt Inhalte zu unterdrücken.
Frühwarnsystem für größere Krisen: Die Blockaden gegen TOR könnten nach Dingledine ein Frühwarnsystem für größere Krisen sein. Die verstärkten Zensurbemühungen Russlands gegen TOR erfolgten bereits im Dezember 2021, etwa zweieinhalb Monate vor dem Angriff auf Teile der Ukraine.
Kritik an der EU: Auswirkungen auf TOR durch Netzsperren gegen Propagandaorgane: Dingledine kritisierte auch die Vorgehensweise der Europäischen Union gegen russische Propagandamedien, insbesondere die Sanktionierung von Russia Today (RT). Die installierte Zensurinfrastruktur könnte schwer rückgängig gemacht werden, und TOR-Nutzer außerhalb Europas wären davon betroffen.
Ausblick und Bedenken: Abschließend äußerte Dingledine Bedenken hinsichtlich des Trends zu Verkehrsanalysen über verschiedene Internetakteure. Die Zusammenlegung von Daten durch große Anbieter und Staaten könnte die Anonymität von TOR-Nutzern mittelfristig gefährden.
Dieser Blog-Beitrag bietet einen Einblick in die internationalen Entwicklungen im Bereich der TOR-Blockaden und deren Auswirkungen auf die Anonymität im Netz.
