Die Digitalisierung hat die Gesundheitspolitik erfasst, und die elektronische Patientenakte (ePA) sowie der Europäische Gesundheitsdatenraum (EHDS) stehen im Fokus. In einem Vortrag auf dem 37C3 beleuchten Bianca Kastl und Daniel Leisegang kritisch die aktuellen Entwicklungen und präsentieren sieben Thesen zur digitalen Gesundheitspolitik.
These 1: Die Gesundheitsdigitalisierung ist weit mehr als nur Gesundheitsdigitalisierung
Die Digitalisierung im Gesundheitssektor hinkte bisher im internationalen Vergleich hinterher. Die beschleunigte Entwicklung ist vor allem der Corona-Pandemie geschuldet und wird von Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach als Hoffnungsträger für das Gesundheitssystem betrachtet. Zwei zentrale Gesetze, das Digital-Gesetz und das Gesundheitsdatennutzungsgesetz, sollen die umfassende Digitalisierung vorantreiben und dabei den ökonomischen Nutzen betonen.
These 2: Schöne neue Monopole
Die Gesundheitsdigitalisierung lockt nicht nur etablierte Unternehmen wie Google und Microsoft, sondern auch zahlreiche Start-ups, die auf künstliche Intelligenz setzen. Tech-Konzerne sehen großes Potenzial, aber die Interessen dieser Unternehmen stehen oft im Widerspruch zu den Bedürfnissen und Rechten der Patient:innen.
These 3: Brute-Force-Forschung schafft neue Sicherheitsrisiken
Die digitale Retter-Mentalität, bei der Lösungen erst präsentiert und dann nach passenden Problemen gesucht werden, führt zu einer explorativen Forschung. Dies birgt Sicherheitsrisiken, da riesige Datenmengen mit KI-Systemen durchforstet werden, ohne klare Forschungsfragen. Unternehmen träumen von digitalen Zwillingen, während die Sicherheit und Vertraulichkeit der Daten auf dem Spiel stehen.
These 4: Diagnose wird zu einem digitalen Experimentierfeld
Die Auswertung von Gesundheitsdaten durch KI-Systeme birgt Gefahren, wie Beispiele aus der Praxis zeigen. Krankenkassen dürfen künftig eigene Risikoeinschätzungen vornehmen und individuelle Beratungen durchführen, ohne die explizite Zustimmung der Versicherten. KI-Systeme können aufgrund von Trainingsdaten zu fehlerhaften Diagnosen führen, was zu erheblichen gesundheitlichen Risiken führt.
These 5: „I know what you recovered from last summer“
Die sensiblen Informationen, die aus Gesundheitsdaten abgeleitet werden können, erfordern besonderen Schutz. Pseudonymisierung und Verschlüsselung sollen dies gewährleisten, aber die Umsetzung ist vage definiert. Der Einsatz von synthetischen Daten als Alternative zur Pseudonymisierung wird diskutiert, aber ihre Effektivität ist umstritten.
These 6: Opt-out ist keine Option
Die Gesundheitsdigitalisierung sieht einen Paradigmenwechsel hin zum Opt-out vor, bei dem Menschen automatisch in digitale Systeme integriert werden, es sei denn, sie widersprechen aktiv. Dieser Ansatz wird kritisiert, da er das Recht auf informationelle Selbstbestimmung massiv einschränkt. Die Bundesdatenschutzbeauftragte Ulrich Kelber warnt vor einer unverhältnismäßigen Einschränkung dieses Grundrechts.
Insgesamt zeigen diese Thesen, dass die aktuelle digitale Gesundheitspolitik Herausforderungen und Risiken mit sich bringt. Es ist wichtig, einen ausgewogenen Ansatz zu finden, der die Digitalisierung vorantreibt, gleichzeitig aber die Rechte und Sicherheit der Bürger:innen schützt. In ihrem Vortrag auf dem 37C3 zeigen Bianca Kastl und Daniel Leisegang Wege zu einer alternativen Digitalisierung des Gesundheitssektors auf, die den Menschen in den Mittelpunkt stellt und die gesellschaftlichen Anforderungen besser berücksichtigt.
