Sexuelle Gewalt ist in der evangelischen Kirche deutlich präsenter als bisher angenommen. Eine von der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) in Auftrag gegebene Studie, die als „ForuM“-Studie bekannt ist, wirft ein schockierendes Licht auf das Ausmaß von sexualisierter Gewalt in der Kirche und Diakonie. Die Studie, die im Jahr 2020 initiiert und finanziert wurde, sollte typisch evangelische Strukturen analysieren, die Gewalt und Machtmissbrauch begünstigen.
Die erschütternden Zahlen: Mindestens 2200 Missbrauchsopfer in der Evangelischen Kirche
Die Forscher haben in den untersuchten Disziplinarakten mindestens 2225 Betroffene und 1259 mutmaßliche Täter identifiziert. Die amtierende Ratsvorsitzende der EKD, Bischöfin Kirsten Fehrs, zeigte sich tief erschüttert von diesem Gesamtbild. Sie betonte, dass die Kirche in Demut die Studie annimmt und sich als Institution schuldig gemacht habe. Kritisiert wurde insbesondere, dass die Kirchen Vereinbarungen nicht eingehalten hätten, indem sie nicht alle Akten zur Verfügung stellten.
Das wahre Ausmaß: „Spitze der Spitze des Eisbergs“
Die Forscher betonen, dass die identifizierten Zahlen lediglich die „Spitze der Spitze des Eisbergs“ darstellen. In einer Hochrechnung, die mit großer Vorsicht betrachtet werden muss, ergibt sich eine beunruhigende Schätzung von knapp 3500 Beschuldigten und mehr als 9300 Opfern, wenn man die Ergebnisse auf die gesamte evangelische Kirche in Deutschland hochrechnet. Diese Zahlen zeigen, dass das tatsächliche Ausmaß von sexueller Gewalt möglicherweise weit höher ist als bisher angenommen.
Kritik an der Aufarbeitung und Forderungen nach staatlichem Handeln
Die „ForuM“-Studie legt offen, dass die evangelische Kirche in der Vergangenheit eine reaktive Aufarbeitung betrieben hat und oft nicht von sich aus aktiv wurde. Kritiker bemängeln die föderale Aufteilung in Landeskirchen, die Verantwortung verschleiert und einheitliche Standards erschwert. Auch die besondere Stellung der evangelischen Pfarrer als Autoritätspersonen begünstigte Missbrauch.
Betroffene mahnen an, dass die Kirche nicht ausreichend in der Lage sei, die Fälle umfassend aufzuarbeiten. Sie fordern eine verstärkte Einbeziehung des Staates, externe Fachleute und Beschwerdestellen. Die amtierende EKD-Ratsvorsitzende Kirsten Fehrs entschuldigte sich bei den Betroffenen und betonte, dass die Bitte um Entschuldigung nur glaubwürdig sein könne, wenn die Kirche entschlossen weitere Veränderungsmaßnahmen auf den Weg bringt.
Vergleich mit der katholischen Kirche und Ausblick
Die „ForuM“-Studie kann nicht direkt mit der MHG-Studie der katholischen Kirche verglichen werden. Die Forscher weisen darauf hin, dass die Datengrundlage und der Untersuchungsrahmen unterschiedlich sind. Die Zahlen legen jedoch nahe, dass sexuelle Gewalt in der evangelischen Kirche und Diakonie ein ernstzunehmendes Problem ist, das eingehend angegangen werden muss.
Die Veröffentlichung der „ForuM“-Studie markiert einen Wendepunkt in der Auseinandersetzung mit sexueller Gewalt in der evangelischen Kirche. Nun liegt es an der Kirche und dem Staat, gemeinsam entschlossen weitere Schritte zur Aufarbeitung und Prävention zu unternehmen.
