Spionageverdacht: Jan Marsalek und der mögliche Einsatz von SS7 für Handy-Überwachung

In einer gemeinsamen Recherche von ZDF frontal, „Spiegel“, „Standard“ und „The Insider“ werden neue Hinweise aufgedeckt, die den Verdacht erhärten, dass der ehemalige Wirecard-Manager Jan Marsalek für die Geheimdienste Russlands spioniert haben soll. Die Ermittler in mehreren europäischen Ländern werfen Marsalek vor, Netzwerke an Kontaktpersonen unterhalten zu haben, die Zielpersonen ausforschten, wobei die Aktivitäten bis hin zu Entführungs- und Attentatsplänen reichten.

Eine vor Gericht stehende Gruppe in Großbritannien, die mutmaßlich von Marsalek angeleitet wurde, führte ein unscheinbares Leben, tarnte sich jedoch als US-Journalisten. Die Gruppe wird beschuldigt, von August 2020 bis Februar 2023 im Auftrag von Marsalek Zielpersonen, darunter auch Journalisten, in Europa auszuforschen und zu verfolgen.

Ein besonders interessantes Detail in der Untersuchung sind E-Mails, in denen Orlin Roussew, ein IT-Unternehmer und einer der Angeklagten, Marsalek ein Spezialhandy eines chinesischen Herstellers anbietet. In einer weiteren E-Mail wird das Kürzel „SS7“ erwähnt, was auf die Nutzung von SS7-Daten für die Überwachung von Handys hindeuten könnte.

SS7 und seine mögliche Rolle in der Spionage

SS7 (Signaling System 7) ist ein weltweiter Kommunikationsstandard für Fest- und Mobilfunknetze. Es regelt, wie Netze und Endgeräte miteinander kommunizieren. Personen mit Zugang zum SS7-System können Orts- und Verbindungsdaten sowie SMS und Gesprächsinhalte auslesen. Bekannte Sicherheitslücken machen dieses System anfällig für Missbrauch. In der Vergangenheit wurde SS7 in der NSA-Überwachung des Handys von Angela Merkel genutzt, und Länder wie China und Saudi-Arabien verwenden die Protokolle, um Oppositionelle zu orten und zu überwachen.

Karsten Nohl, ein renommierter IT-Sicherheitsexperte, betont, dass der Zugang zum SS7-Netz ein mächtiges Spionage-Werkzeug darstellt. Bereits 2017 warnte das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) öffentlich vor „SS7-Schwachstellen“, mit denen Gespräche aufgezeichnet werden könnten. Trotzdem plant die Bundesregierung keine vollständige Ablösung des SS7-Protokolls in absehbarer Zeit.

Verdächtige Firmengründungen und mögliche SS7-Zugangswege

Ein weiteres Element in der Untersuchung deutet darauf hin, dass Kontakte von Marsalek möglicherweise Firmen gründeten, um Zugang zum SS7-Netz zu erhalten. Anton Grischaew, ein russischer Unternehmer, gründete Internet- und Mobilfunkfirmen in ganz Europa, darunter Deutschland, Polen, Tschechien und Lettland. Grischaew wurde auch in einer E-Mail Marsaleks erwähnt, in der er beauftragt wurde, eine Handynummer ins tschechische Netz zu übertragen. Einige der von Grischaew gegründeten Firmen existierten vor allem auf dem Papier.

Karsten Nohl hebt hervor, dass das Verhalten, wenn mutmaßliche russische Agenten Telefonfirmen gründen, darauf hindeuten könnte, dass sie Zugang zur SS7-Technologie und zum SS7-Netz erhalten möchten.

Das Gericht in London wird weiterhin aufklären, welche Ziele die mutmaßlichen Agenten für Russland im Visier hatten und welche Rolle Jan Marsalek in diesen Aktivitäten spielte. Marsalek bleibt unter dem Schutz Russlands für die Ermittler weiterhin unerreichbar.

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