Nach dem TV-Duell in Thüringen: Ein neuer Umgang mit der AfD?

Wenn sich Landespolitiker vor Wahlen im Fernsehen duellieren, interessiert das in Berlin meist kaum. Beim Duell Voigt gegen Höcke war es anders. Die Parteien blicken nervös nach Ostdeutschland.

Nach Duellen werden normalerweise Noten verteilt und Sieger gekürt – auch diesmal. Doch ist alles anders. Die Frage ist, ob es überhaupt etwas zu gewinnen gab? Der Thüringer AfD-Chef Björn Höcke musste gar nicht gewinnen. Er wollte die Bühne – das Duell auf Augenhöhe zur Primetime. Und der CDU-Landesvorsitzende Mario Voigt konnte nur zwischen zwei schlechten Optionen wählen. Wenn er mit Höcke redet, gibt er ihm die Bühne. Redet er nicht, dann sonnt sich die AfD in der Opferrolle. Voigt hat sich für das Reden entschieden. Und das war riskant.

Ein Risiko, das auch vielen in der Union bewusst war. In den sozialen Netzwerken versammelten sich viele zum Public Viewing. Wenige Minuten nach dem Duell traf sich die „Unions-Bubble“ zu einer Audio-Diskussionsrunde im Netzwerk X. Die stellvertretende CDU-Vorsitzende Karin Prien gab dort zu, sie sei nervös gewesen, habe sich die Frage gestellt, ob man sich mit Faschisten auf eine Bühne setzt. Und sie lobte den Thüringer CDU-Chef für seinen „Mut“: „Mario Voigt ist ein hohes Risiko eingegangen für sein Land, aber er hat es richtig gemacht.“

Nicht alle sind voll des Lobes. Generalsekretär Carsten Linnemann sagt der Rheinischen Post, Voigt habe gezeigt, dass er Ministerpräsident könne. „Sein mutiger Kurs, die Rechtsextremen inhaltlich zu stellen, hat sich als goldrichtig erwiesen.“

Doch nicht alle sind voll des Lobes. David Begrich beobachtet schon seit vielen Jahren Rechtsextremismus in Ostdeutschland. Das Duell war ein Fehler, sagt der Sozialwissenschaftler aus Magdeburg: „Ich glaube, dass das passiert ist, was ich ehrlich gesagt befürchtet habe. Nämlich dass dieses Duell dazu beiträgt, im wahrsten Sinne des Wortes Björn Höcke dabei zu helfen, sich selbst zu verharmlosen.“

Julia Reuschenbach, Politikwissenschaftlerin der Freien Universität Berlin, sagt, aus dem Duell könne man lernen, dass man sich mit so einem Format auch auf eine Normalisierung von rechtsextremen Positionen einlässt. Aber eine inhaltliche Auseinandersetzung mit der rechtsextremen Partei könne durchaus lohnenswert sein, so Reuschenbach. Viele Menschen wünschten sich das, das finde sie richtig. „Ich würde aber auch davor warnen, solchen Veranstaltungen jetzt im Nachhinein zu viel Gewicht beizumessen.“ Solche Duelle seien kein „Game-Changer“.

Voigt glaubt, dass er das aufholen kann – und er sieht nicht den amtierenden Ministerpräsidenten von der Linken, Bodo Ramelow, als den wichtigsten Gegner. Sondern Björn Höcke, einen Rechtsextremisten.

Im Duell sagt der ehemalige Geschichtslehrer Höcke, er habe nicht gewusst, dass diese Parole verboten ist. Ebenso kann er sich angeblich nicht erinnern, was er in seinem Buch über Bundestagsvizepräsidentin Aydan Özoğuz geschrieben hat. Das alles läuft zur besten Sendezeit im Fernsehen und Voigt muss dem etwas entgegensetzen. Vor dieser Augenhöhe hatten ihn einige gewarnt – auch in der eigenen Partei. Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Reiner Haseloff sagte der „Zeit“: „Dieser Partei würde ich keine Plattform geben.“

Voigt hat sich anders entschieden. Es sei einfach, Höcke einen Faschisten zu nennen, sagt er. Ihm geht es darum, den AfD-Spitzenkandidaten inhaltlich zu stellen. Zehn Jahre sei man der Diskussion aus dem Weg gegangen. Gebracht habe es nichts. In der Union kommt das überwiegend gut an, in der AfD-Blase kursieren bald wilde Theorien.

Das alles führt zu der Frage: Kann die Union mit einem solchen Duell gewinnen? Rechtsextremismus-Experte Begrich sagt Nein. „Ich fürchte, es geht eben nicht um gewinnen und verlieren, sondern es geht um Reichweite und Deutungshoheit.“ Für Begrich bleibt am Ende die Botschaft, Björn Höcke sei ein ganz normaler Politiker wie andere demokratische Politiker auch. „Und dieses Signal halte ich ehrlich gesagt für fatal.“

Für das Duell hatte sich Voigt vorgenommen, bei der AfD-Anhängerschaft zwei Botschaften zu platzieren: Die CDU versteht eure Sorgen und Nöte, aber hat anders als die AfD-Parteiführung auch Lösungen parat. Nach dem Genuss des kompletten Schlagabtauschs darf man vermuten, dass ihm das nur bedingt gelungen ist. Die zweite Botschaft konnte Voigt dagegen besser an den Mann bringen: Ganz am Schluss des Duells erneuerte er seine Absage an jedwede Koalition mit der AfD nach den Thüringer Landtagswahlen im September und suggerierte damit: Wer Höcke wählt, verschenkt seine Stimme. Mangels Koalitionspartnern hat die AfD keine Machtoption.

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