Schaden digitale Lernmittel mehr, als dass sie nutzen? Schweden und Dänemark wollen eine Kehrtwende in der Schuldigitalisierung vollziehen. Und auch hierzulande fragt man sich: Müssen unsere Klassenzimmer wieder analoger werden? Doch ganz so einfach ist es dann doch nicht.
Nicht erst seit der Corona-Pandemie wird gefordert: Die Schulen müssen digitaler werden! Tablets statt Schulbücher in alle Klassenzimmer!
Zuletzt kamen jedoch Zweifel an dieser Forderung auf. Nutzen Schüler:innen digitale Geräte, lernen sie angeblich schlechter. Mancherorts haben diese Bedenken nun zu einer drastischen Umkehr in der Bildungspolitik geführt. Schweden und Dänemark galten bislang als strahlende Vorbilder in der Schuldigitalisierung. Nun aber wollen beide Länder ihre Schulen wieder analoger machen.
Diese Kehrtwende facht auch in Deutschland die Diskussion wieder an: Schadet die Schuldigitalisierung den Schüler:innen mehr, als dass sie ihnen nutzt?
Kehrtwende in Schweden und Dänemark
Der Grund für die Kehrtwende in Schweden und Dänemark ist eine Stellungnahme des renommierten Karolinska-Instituts vor knapp einem Jahr. Die Forschenden aus Medizin und Psychologie kommen darin zu einem erstaunlichen Urteil: „Die Digitalisierung der Schulen [hat] große negative Auswirkungen auf den Wissenserwerb der Schüler“.
Bis vor Kurzem hatte die schwedische Bildungsbehörde noch ganz andere Töne verlauten lassen: Man wolle die Schulen noch digitaler machen, von der Vorschule an. So hatte es die Behörde in ihrem Vorschlag zur „nationalen Digitalisierungsstrategie für das Schulsystem 2023-2027“ vorgestellt. Ebendiese Empfehlung hatten die Verfasser:innen der Stellungnahme nun überprüft. Ihr Fazit: Das schwedische Bildungsministerium solle den Vorschlag der Bildungsbehörde rundweg ablehnen.
Schwedens Bildungsministerin Lotta Edholm kündigte daraufhin an, die Digitalisierung von Lernmitteln auszubremsen: „Wir wissen, dass Lesen am besten durch Bücher gefördert wird und dass wir ein großes Problem in schwedischen Schulen haben, mit zu vielen Bildschirmen und zu wenigen Büchern“, so Edholm.
Dänische Schüler beklagen Mangel an Medienkompetenz
Die Wellen der schwedischen Kehrtwende schlugen bis nach Dänemark. Bislang galt das Nachbarland als europäischer Vorreiter in Sachen Schuldigitalisierung. Doch selbst Schüler:innen beklagen dort inzwischen, in der Schule nicht genügend über den Umgang mit neuen Technologien unterrichtet zu werden: „Das dänische Bildungssystem versagt noch immer darin, uns auf die digitale Welt vorzubereiten“, erklärt Asger Kjær Sørensen auf Anfrage auf Englisch. Sørensen ist der Vorsitzende der Danske Gymnasieelevers Sammenslutning – der Vereinigung von Schüler:innen der höheren Oberschulen (vergleichbar mit deutschen Oberstufen) in Dänemark.
Und auch Dänemarks Bildungsminister Tesfaye schlägt inzwischen reumütige Töne an: Er entschuldigte sich, die Schüler:innen zu „Versuchskaninchen in einem digitalen Experiment“ gemacht zu haben.
Sørensen wird hier konkreter: „Aktuell würde ich sagen, dienen wir in einer anderen Hinsicht als Versuchskaninchen: Denn wir verlassen das Schulsystem ohne die nötigen Kompetenzen zu besitzen“, so der Schüler, „um durch die digitalisierte Welt zu navigieren und ohne ein Verständnis für die Technologien entwickelt zu haben, die entscheidend für die Reste unserer Leben und Karrieren sein werden.“. Die neuen Geräte seien an Schulen eingeführt worden, ohne darüber zu reflektieren, wie sie genutzt werden sollten und wie sie sich auf das Lernen auswirken. Eine bessere Schuldigitalisierung würde bedeuten, die bestehenden Technologien auf eine Weise in den Unterricht einzubeziehen, die die Schüler:innen dazu anregt, sich kritisch und konstruktiv mit ihnen auseinanderzusetzen, meint Asger Sørensen.
Das dänische Bildungsministerium will nun ein Gleichgewicht zwischen analogem und digitalem Unterricht herstellen, wie es in einer Pressemitteilung des dänischen Bildungsministeriums heißt. Bildschirme sollen in Klassenzimmern nur noch dann eingesetzt werden, wenn es pädagogisch und didaktisch sinnvoll ist. So lautet eine von zwölf Empfehlungen, die ab sofort an dänischen Schulen umgesetzt werden sollen.
Droht „Digitale Demenz“?
Auch in Deutschland wird die Debatte um die Schuldigitalisierung derzeit wieder intensiver geführt – auch unter dem Eindruck der Maßnahmen der Corona-Jahre, die nun rückblickend bewertet werden sollen. Über Monate waren damals die Schulen geschlossen und etliche Kinder wurden vorwiegend mit digitalen Mitteln unterrichtet. Seitdem haben die Kompetenzen der Schüler:innen abgenommen – auch wenn Bildungsforschende dies nur zum Teil auf die damaligen Maßnahmen zurückführen.
Die aktuelle Debatte ist auch Wasser auf die Mühlen jener Mahner, die seit Jahren vor der Digitalisierung warnen. Dazu zählt unter anderem der Neurowissenschaftler Manfred Spitzer. Er argumentierte bereits 2012 in seinem umstrittenen Buch „Digitale Demenz“, dass digitale Medien die Entwicklung des Gehirns beeinträchtigten. In mitunter alarmistischen Tönen kritisiert er auch politische Initiativen, die vorsahen, „alle Schüler mit Notebooks auszustatten und die Computerspiel-Pädagogik zu fördern“.
Kritik des Karolinska-Instituts an schwedischer Strategie
Auf den ersten Blick scheint das Karolinska-Institut Spitzers Behauptungen recht zu geben. So kommt dessen Stellungnahme unter anderem zu dem Schluss, dass Schüler:innen, die Texte auf Tablets lesen, in der Entwicklung ihrer Lesefähigkeiten um ein halbes Jahr hinterherhinken. Schuld sei vor allem, dass Schüler:innen beim Lesen auf digitalen Geräten schneller abgelenkt würden als beim Lesen in Büchern.
Doch die Aussagen des Karolinska-Instituts sind umstritten. So kritisierte etwa der schwedische Bildungsexperte Olle Häggström in einem offenen Brief die Forschenden. Diese hätten „offensichtliche methodische Mängel“ in ihrer Analyse. Zudem würden sie „überwiegend ältere Studien“ zitieren, „die oft nicht die direkten Auswirkungen von Bildschirmen auf das Lernen bei Kindern untersucht haben“.
Kompetenz vor Geräte!
Die Debatte um die Schuldigitalisierung wird also bleiben. Doch anstatt nun sämtliche Tablets und Laptops aus den Klassenzimmern zu verbannen, könnte eine ausgewogene Lösung sein, die die Vorzüge der digitalen Welt mit den bewährten analogen Lernmethoden verbindet.
So könnte es weniger um die Frage gehen, ob digitale Medien per se schlecht für den Lernerfolg seien, sondern vielmehr darum, wie sie in den Unterricht integriert werden. Das betont auch die Bildungspsychologin Nicole Strasser im Gespräch mit dem STANDARD: „Dass digitale Medien keine negativen Auswirkungen auf das Lernen haben, stimmt so nicht“, sagt sie. „Aber es kommt darauf an, wie man sie einsetzt.“.
Digitale Kompetenzen sollten also nicht auf Kosten klassischer Fähigkeiten wie Lesen, Schreiben und Rechnen vermittelt werden. Vielmehr müssten die Schüler:innen lernen, digitale Medien kritisch zu reflektieren und verantwortungsbewusst damit umzugehen.
Eine ausgeglichene Mischung aus analogem und digitalem Unterricht könnte somit die Lösung sein: Es gilt, Kompetenz vor Geräte zu stellen.
