Warum laden ARD, ZDF und Podcaster immer noch Leute wie Höcke, Chrupalla und Krah ein? Weil das demokratisch ist? Ein großer Irrtum in den deutschen Medien.
Es ist noch nicht lange her, da gab es in jeder westdeutschen Stadt eine kommunistische Infrastruktur aus Buchläden, Abendschulen, Vereinen und Kultureinrichtungen. Wer vor dem Fall der Mauer in der alten Bundesrepublik studiert hat, wird die aktiven kommunistischen Studentenklubs bemerkt haben. Endlos konnte man mit den Genossinnen und Genossen diskutieren. Auch über die Verhältnisse jenseits der Mauer, da gaben sie sich kritisch und betonten ihre Unabhängigkeit von Ost-Berlin. MSB Spartakus, die SDAJ und die DKP gehörten zur Folklore der deutschen Politik – und eines Tages, bald nach dem Ende der SED, waren sie plötzlich verschwunden. Ihre Autonomie war bloß Fassade. Die ganze Wahrheit, dass ihre Mittel und Strategie von drüben kamen, die hatten sie immer als Propaganda von kalten Kriegern abgetan.
Heute, da die Hinweise auf eine ausländische Steuerung der extremen Rechten sich verdichten, gibt es wieder gute Gründe, an die Krypto-Kommunisten an den Unis zurückzudenken. Ihre Gruppen spielten nirgends eine wichtige Rolle, obwohl ihre Anliegen wohlformuliert waren. Aber der Radikalenerlass und eine konsequente mediale Ausgrenzung verhinderten eine größere Popularität. Den Vorsitzenden der DKP, Herbert Mies, sah man nicht in den damals ernst zu nehmenden Talkshows Bios Bahnhof oder 3 nach 9. Wozu auch? Manche erinnern sich: Selbst im direkten Gespräch rund um den Küchentisch einer Wohngemeinschaft hätten die Freunde der linken Linken niemals zugegeben, wer sie finanziert. Sie haben halt einfach gelogen.
Die Wirtschaft hat es verstanden: Mit denen reden? Nein.
Auf der anderen Seite des Spektrums ist diese Taktik von Anfang an Teil der politischen Identität. Heute assoziieren wir mit dem Nationalsozialismus sofort den Weltkrieg und den beispiellosen Massenmord an den europäischen Juden – aber der Weg in dieses Grauen führte über viele Jahre der öffentlichen Lüge, der Propaganda, der Zuspitzung und vor allem der Lüge. Brenzlig wurde es für die frühen Nazis immer dann, wenn kurz mal ihre Wahrheit hervorblitzte – etwa im November 1931, der Skandal um die Boxheimer Dokumente. Damals wurden Pläne der Nazis zum Umsturz der Republik öffentlich, obwohl die Partei sich doch gerade einen Kurs der Legalität zusammenschnurrte. Hitler und Göring taten die Umsturzpläne öffentlich als Einzelfall ab, heute wissen wir, dass die Papiere die Wahrheit enthielten. Sie logen eben. So ist das bis heute. Wenn wir dem unbestrittenen Superstar der radikalen Rechten, dem russischen Präsidenten Putin zuhören, so ist kaum noch zu zählen, wie viele Lügen ein Satz von ihm enthält. Er log den Bundeskanzler an, den französischen Präsidenten und alle immerzu, es gehört zu seiner Aura von Macht. Einer, der gar keine Wahrheit braucht, der auf Kommunikation pfeift, weil ihm Machtmittel zur Verfügung stehen, die ihm mehr bringen als die kommunikative Suche nach Lösung und Kompromiss. Die Lüge ist sein Programm und sein Medium, und so halten es auch alle anderen rechtsradikalen Formationen. Sie spitzen zu, wechseln ihre Themen, stiften Verzweiflung, geben sich im Notfall kurz ahnungslos, um dann als vermeintliche Retter der Nation alle Spielregeln zu ändern.
Politik, Nachrichtendienste und die großen Wirtschaftsunternehmen haben das verstanden. Viele Medien aber noch nicht. Es ist heute Ausdruck einer rührenden Naivität zu glauben, ein gutes Gespräch in einem Fernsehstudio würde ein Gegenüber aus dem rechtsradikalen Spektrum dazu bringen, die ganze Wahrheit über sich zu gestehen und Pläne für die Zukunft zu offenbaren. Zwar nutzen die Rechtsradikalen seit jeher die Massenmedien, aber ihre Ideologie passt nicht dazu: Eine Fernsehsendung ist eine egalitäre Sache. Dass sie viele der lieben Zuschauerinnen und Zuschauer im Studio und an den Bildschirmen im Falle ihrer Machtübernahme drangsalieren und deportieren würden, sprengt das Format. Während all der vielen, vielen Stunden, in denen der Spitzenkandidat der AfD für die Europawahlen schon interviewt wurde in TV-Sendungen und Podcasts, in all den Runden, in denen der Vorsitzende dieser Partei schon zu Gast war, um über dies und jenes zu plaudern, gab es nicht einen einzigen Augenblick, an dem man der Wahrheit über diese Partei nahegekommen wäre.
Eine Talkshow besorgt keine Wahrheitsfindung. Sondern Repräsentation.
Dennoch gibt es diese schreckliche Wahrheit. Hört man sich unter Menschen um, deren Eltern nicht in Deutschland geboren wurden und die von den Plänen der AfD unmittelbar betroffen wären, so verfliegt jeder Zweifel. Hört man sich unter Wirtschaftsführern in Ostdeutschland um, Konzernlenkern wie Mittelständlern, hört man sich unter den tapferen Kommunalpolitikern im Osten um, so herrscht dort die nackte Angst vor biodeutschen Landstrichen, in denen kostbare Menschen fehlen – die nur zum Beispiel auch sehr viele dringend benötigte Arbeitskräfte sind. Menschen mit internationaler Geschichte wissen genau, was die AfD vorhat, und viele von ihnen tragen sich mit Gedanken, Deutschland zu verlassen.
Die mediale Präsenz der Rechtsradikalen in Gesprächssendungen des öffentlich-rechtlichen Rundfunks ist mehr oder weniger Sendezeitverschwendung. Und sie ist schädlich: Eine Talkshow ist kein Ort der Wahrheitsfindung, sondern der Repräsentation. Fernsehen ist ein Forum, aber eben auch immer Schaufenster. Was hier geboten wird, ist, wenn es nicht explizit ausgeschlossen wird, zur Nachahmung empfohlen. Darum, und spätestens seit dem Desaster der Caren-Miosga-Sendung mit dem AfD Vorsitzenden Chrupalla, sollte man Vertreterinnen und Vertreter extremer Parteien nicht in Gesprächssendungen einladen. Ihr Mandat als Parlamentarier berechtigt sie dazu, in Landtagen oder im Bundestag zu reden. Zu mehr nicht.
Als Weidel, Gauland und Co 2019 einen Abend für die AfD-Fraktionsspitze im Berliner Restaurant „Bocca di Bacco“ reservieren wollten, kam die Absage ruckzuck. Man sei ein weltoffenes Lokal mit Angestellten und Gästen aus vielen Ländern, teilte der Wirt des exklusiven italienischen Lokals mit: „Politiker und deren Angestellte, die Menschen aufgrund ihrer Herkunft, Religion, politischer Einstellung oder Hautfarbe diskriminieren und diskreditieren, möchten wir nicht bedienen.“ Hausrecht. Schiefer Vergleich? Nein – auch TV-Sender und Talkshow-Produzenten, die mit geringem Aufwand jeden Abend gute Quoten erzeugen, können ihr Gewissen befragen und dann ihr Hausrecht gebrauchen.
Es gibt kein Recht darauf, in einer Talkshow zu sitzen. Die Sphäre der rechten Medien ist heute groß genug, sie ist sogar gigantisch. Eine ganze, intransparent finanzierte digitale Welt steht zu jeder Stunde bereit, um Thesen und Erregungen der Rechtsradikalen zu verbreiten. Erst durch den guten Ruf, das seriöse Setting des öffentlich-rechtlichen Rundfunks oder einer anderen angesehenen Medienmarke werden Chrupalla, Weidel und Höcke wahrnehmbar oder eben auch scheinbar vertrauenswürdig.
