Im Finanzdschungel der Cum-Ex-Geschäfte gibt es eine zentrale Figur: Martin S., ein britischer Aktienhändler, der tief in den Skandal um gestohlene Milliarden verstrickt war. Dank seiner Kooperation mit der deutschen Justiz fiel seine Strafe überraschend milde aus. Doch neue Recherchen von WDR, NDR und Süddeutscher Zeitung werfen ein neues Licht auf ein bisher unbekanntes Millionenvermögen, das den Fall weiter verkompliziert.
Der Glücksfall Martin S.
Für die deutsche Justiz war Martin S. ein Glücksgriff. Über Jahre hinweg war er in Cum-Ex-Geschäfte verwickelt, bei denen Banken und Anleger sich Steuern erstatten ließen, die sie nie gezahlt hatten. Der Schaden für den deutschen Fiskus? Schätzungsweise über zehn Milliarden Euro. Doch im September 2019 entschied sich S., vor dem Bonner Landgericht aus dem Nähkästchen zu plaudern. Seine detaillierten Aussagen halfen, zahlreiche weitere Cum-Ex-Verfahren einzuleiten.
Eine milde Strafe und neue Fragen
Dank seiner Kooperation und Reue wurde Martin S. zu zwei Jahren auf Bewährung und einer Geldstrafe von 14 Millionen Euro verurteilt. Doch nun zeigt sich, dass er zu seiner Gerichtsverhandlung noch Miteigentümer einer Briefkastenfirma auf den Kaimaninseln war – einer Firma, die eine Schlüsselrolle im Cum-Ex-Skandal spielte. Recherchen enthüllen, dass sich in einer Tochterfirma dieser Firma im gleichen Jahr 250 Millionen britische Pfund befanden. Martin S. bestreitet jedoch, von diesen Vermögenswerten gewusst zu haben.
Ein kompliziertes Firmengeflecht
Die Firma „Arunvill Capital Limited“, deren Miteigentümer Martin S. war, steht im Zentrum eines Netzwerks von Tochterunternehmen, die bis 2011 in Cum-Ex-Geschäfte verwickelt waren. Auch nach 2011 blieben diese Firmen offenbar lukrativ. 2019 meldete der Finanzdienstleister „Genesis Trust“ der Aufsichtsbehörde der Kaimaninseln verdächtige Aktivitäten. Eine Tochterfirma wurde aufgelöst, und eine Dividende von 800.000 Euro war fällig. Ob Martin S. von diesen Gewinnen profitierte, bleibt unklar. Er bestreitet dies und gibt sich unwissend über die Geschäfte seiner früheren Firmen.
Das mysteriöse Millionenvermögen
Im Jahr 2019 wurde die Arunvill Capital Limited weiterverkauft, und eine Tochterfirma wies ein Vermögen von 250 Millionen Pfund aus. Der Verkauf weckte das Misstrauen des Finanzdienstleisters, da unklar war, wer der Käufer war. Nur eines war sicher: Es handelte sich um einen Russen namens Alexander S. Die Tochterfirma gab eine Bank in Gibraltar als Hausbank an – eine Steueroase, die schwer zugänglich für EU-Behörden ist.
Was geschah mit den Millionen?
Die Frage bleibt: Wo sind die 250 Millionen Pfund heute? Könnte es sich um Gelder aus dubiosen Aktiengeschäften handeln? Martin S. behauptet, er habe von diesen Millionen nichts gewusst und lediglich 100 Dollar für den Verkauf der Arunvill zugesagt bekommen – die er angeblich nicht einmal erhalten habe.
Fazit
Martin S. bleibt ein widersprüchlicher Charakter im Cum-Ex-Skandal. Während er einerseits reumütig und kooperativ erscheint, werfen die neuen Enthüllungen Fragen auf, die noch beantwortet werden müssen. Die Staatsanwaltschaft Köln ermittelt weiter, und der Fall bleibt ein Paradebeispiel dafür, wie kompliziert und undurchsichtig Finanzgeschäfte sein können. Es bleibt abzuwarten, welche weiteren Geheimnisse das Cum-Ex-Geflecht noch preisgeben wird.
