Stellen Sie sich vor, die AfD hätte genügend Wählerstimmen, um ihre Politik tatsächlich umzusetzen. Wer würde am meisten darunter leiden? Überraschenderweise die heutigen AfD-Wähler selbst. Wie kann das sein?
Marcel Fratzscher, Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), erläutert dieses Paradox in einer Vorlesung an der Brandenburgischen Technischen Universität (BTU) in Cottbus. Das Thema: „Das AfD-Paradox: Die Auswirkungen des Populismus auf Wirtschaft und Gesellschaftliche Gruppen“ zieht viele Neugierige an, besonders in Cottbus, wo die AfD seit fünf Jahren die stärkste Fraktion in der Stadtverordnetenversammlung stellt.
AfD-Politik würde ihren Wählern schaden
Fratzscher macht klar: Die AfD vertritt in ihrem Europawahlprogramm eine neoliberale, antieuropäische und protektionistische Politik, die den Staat schwächen und der deutschen Wirtschaft schaden würde. Besonders betroffen wären Menschen mit geringem Einkommen, geringerer Bildung und diejenigen, die in strukturschwachen Regionen leben. Ironischerweise entspricht dies genau der Wählerbasis der AfD.
Steuersenkungen verringern Umverteilung
Deutschland profitiert von Globalisierung und EU. Offene Grenzen und der europäische Binnenmarkt schaffen Arbeitsplätze. Die Forderung der AfD nach einer Auflösung der EU und Wiedereinführung von Grenzkontrollen würde diese Arbeitsplätze gefährden. Eine feindliche Haltung gegenüber Einwanderern macht Deutschland für qualifizierte Zuwanderer unattraktiv, die jedoch dringend benötigt werden. Steuersenkungen, wie von der AfD gefordert, würden die Mittel des Staates zur Unterstützung sozial Benachteiligter und für Investitionen in Infrastruktur und digitale Transformation verringern. Die Ablehnung der Erhöhung von Mindestlöhnen durch die AfD schadet direkt wirtschaftlich schwachen Personengruppen.
Warum Populismus erfolgreich ist
Warum unterstützt eine Partei, die solche Positionen vertritt, vor allem die Menschen, die unter den Folgen leiden würden? Fratzschers Erklärung findet viel Zustimmung: Die Politik der letzten Jahrzehnte hat den Gesellschaftsvertrag gebrochen. Die Ungleichheit zwischen Reich und Arm ist gewachsen, und die Welt ist insgesamt ungerechter geworden. Das verunsichert viele Menschen. Eine Umfrage der Universität Bonn zeigt, dass 84 Prozent der Befragten mit Sorge in die Zukunft blicken.
Region im Umbruch
In Cottbus, einer Stadt mit 100.000 Einwohnern, hat der Wandel deutliche Spuren hinterlassen. Früher eine erfolgreiche Industriestadt, hat sie mit dem Niedergang der Textilindustrie und dem Kohleausstieg massive Veränderungen erlebt. Milliarden werden in die Transformation investiert, doch die Menschen empfinden vor allem Verlust und Misstrauen gegenüber dem „Establishment“.
Die Schuld der „Altparteien“?
Fratzscher betont, dass alle Parteien viele Fehler gemacht haben. Der Staat müsse faire Bedingungen für alle schaffen, was versäumt wurde. Auch die Wirtschaft habe Fehler gemacht, indem sie zu oft den schnellen Gewinn bevorzugte und zu wenig in Zukunftstechnologien investierte. Und letztlich haben auch die Wähler eine Verantwortung, indem sie Parteien wählten, die den Status quo erhielten, anstatt diejenigen, die Veränderung forderten.
Was tun?
Deutschland muss sich zukunftsfest machen, was nur mit klaren Entscheidungen möglich ist, die auch weh tun können. Es braucht eine gute Kommunikation, mehr Gespräche und gegenseitiges Zuhören. Die Politik muss dafür sorgen, dass die Menschen wieder das Gefühl haben, fair behandelt, ernst genommen und ehrlich informiert zu werden.
AfD-Wähler zum Nachdenken bringen
Wie können AfD-Wähler zum Nachdenken bewegt werden? Fratzscher glaubt, dass dies nur durch Information und Gesprächsangebote wie bei der „Open BTU“ möglich ist. Nur so kann die tiefe Verunsicherung überwunden und die Gesellschaft wieder zusammengeführt werden.
Das „AfD-Paradox“ zeigt deutlich, dass die Politik der AfD ihren eigenen Wählern schaden würde. Ein Umdenken ist nötig, um eine gerechtere und zukunftsfähige Gesellschaft zu schaffen.
