Aiwanger gegen Biosphärenreservat: Streit im Spessart

Von Schnapsideen und toten Pferden

Wenn Vize-Ministerpräsident Hubert Aiwanger in den Spessart kommt, bleibt selten ein Blatt vor dem Mund. Bei einem Auftritt in der unterfränkischen Region zeigte er sich erneut von seiner wortgewaltigen Seite und sparte nicht mit scharfer Kritik an den Plänen für ein Biosphärenreservat. Doch was steckt hinter den markigen Worten?

Bürgerbeteiligung à la Aiwanger

Aiwanger betont bei nahezu jedem Auftritt, wie wichtig ihm die Beteiligung der Bürger und der Wille der Gemeinden sei. Dasselbe Prinzip führt er an, wenn es um die Ablehnung von Bürgerentscheiden geht, wie sie von Ministerpräsident Markus Söder vorgeschlagen wurden. Doch beim Thema Naturschutz scheint Aiwanger einen anderen Kurs zu fahren.

„Von außen aufgestülpt“ und „Schnapsidee“

Im Spessart wetterte Aiwanger über das Biosphärenreservat und bezeichnete es als „Schnapsidee“ von „Ideologen“ und „Mainstream-Medien“. Für ihn sei die Initiative ein „totes Pferd“, das man nicht weiterreiten solle. Aiwanger argumentierte, dass Städter den Landbewohnern Einschränkungen auferlegen wollen und die Eichenbestände im Spessart bedroht seien. Am Montag wollte sich das Wirtschaftsministerium nicht zu diesen Äußerungen äußern. In einer Pressemitteilung zitierte es Aiwanger: „Im Sinne des Kultur- und Wirtschaftsguts Spessarteiche weise ich jegliche Rufe nach weiteren Stilllegungen oder Einschränkungen zurück.“

Regionale Initiative, nicht Städter-Verschwörung

Was Aiwanger bei seinem Auftritt wohl entgangen ist: Die Pläne für das Biosphärenreservat im Spessart stammen nicht aus städtischen Büros, sondern sind eine regionale Initiative. Die Landkreise Aschaffenburg, Main-Spessart und Miltenberg sowie die Stadt Aschaffenburg stehen hinter dem Vorhaben. Sollte das Biosphärenreservat tatsächlich eingerichtet werden, geschieht das nur mit der Zustimmung der betroffenen Gemeinden.

Mehr als Naturschutz

Ein Biosphärenreservat bedeutet nicht nur Naturschutz. Die Initiatoren, darunter die Landräte Jens-Marco Scherf (Grüne), Sabine Sitter (CSU) und Alexander Legler (CSU) sowie Aschaffenburgs OB Jürgen Herzing (SPD), erhoffen sich auch einen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Aufschwung für die Region. Vorbilder wie die Biosphärenreservate in der Rhön und im Berchtesgadener Land zeigen, dass Naturschutz und wirtschaftliche Entwicklung Hand in Hand gehen können.

Bürgerbeteiligung auf höchstem Niveau

Die regionale Initiative setzt auf umfassende Bürgerbeteiligung. Dazu zählen Machbarkeitsstudien, Informationsveranstaltungen, Foren und Diskussionen sowie Beratungen und Abstimmungen in jedem Gemeinderat der rund 80 Spessart-Gemeinden. Lehnt eine Gemeinde die Teilnahme am Biosphärenreservat ab, wird sie nicht eingebunden. Ein demokratischeres Verfahren ist kaum vorstellbar.

Zwischenstand: Mehrheit für das Reservat

Aktuell haben fast die Hälfte der Spessart-Gemeinden ihr Votum abgegeben: 27 wollen beim Biosphärenreservat mitmachen, zehn sind dagegen. Die 27 zustimmenden Gemeinden repräsentieren bereits mehr als die Hälfte der Bevölkerung im Spessart. Die Initiatoren planen nun, Aiwanger in einem Brief über die Bedeutung von Gemeinde- und Bürgerbeteiligung aufzuklären.

Fazit

Aiwangers vehemente Kritik am Biosphärenreservat im Spessart trifft nicht den Kern der regionalen Initiative. Die Pläne sind nicht von außen aufgestülpt, sondern stammen aus der Region selbst. Zudem bieten sie eine Chance für eine nachhaltige wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklung. Ob Aiwanger seine Meinung ändert, bleibt abzuwarten. Sicher ist jedoch: Die Debatte um das Biosphärenreservat wird weitergehen – hoffentlich mit weniger Polemik und mehr Sachlichkeit.

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