Wie ein Attentat den US-Wahlkampf verändert: Donald Trump als unbesiegbarer Überlebender
Das Attentat auf Donald Trump ist der Moment, der den US-Wahlkampf 2024 entscheidend beeinflussen könnte. Trump hatte nicht nur unfassbares Glück, sondern auch den Instinkt, sich selbst als unbesiegbar darzustellen, selbst in der Rolle des Opfers.
Was auch immer noch in diesem ohnehin schon turbulenten Wahljahr passiert – dieses Bild wird bleiben: Donald Trump, Blut am Ohr, die Faust trotzig in den Himmel von Pennsylvania gereckt, die US-Flagge im Wind. Dieses Foto wird in Erinnerung bleiben wie das von John F. Kennedy im offenen Auto in Dallas, Ronald Reagan am Brandenburger Tor oder George W. Bush, als er von den Anschlägen am 11. September 2001 erfuhr. Jetzt steht auch Trump in Butler in dieser Reihe.
Ein Bild für die Ewigkeit
So wie Trump auf diesem Bild jubelt, jubeln normalerweise Sieger. Doch hier jubelt einer, der gerade dem Tod entkommen ist. Hätte der Attentäter nur ein paar Zentimeter weiter nach rechts gezielt, wäre Trump wohl nicht mit einem Streifschuss davongekommen. Sein rechtes Ohr sei getroffen worden, teilte er noch am Abend auf Truth Social mit. Die Wahlkampfbühne wurde zum Tatort.
In Butler, etwa 50 Kilometer nördlich von Pittsburgh, hatte Trump gerade seine Rede improvisiert und das Publikum begeistert. „Teleprompter sind so verdammt langweilig“, rief er. Die Menge hatte nichts dagegen, denn das war eine Spitze gegen Joe Biden, der ohne Teleprompter kaum spricht. Trump demonstrierte Stärke gegen Bidens Schwäche.
Plopp, Plopp, Plopp
Drei Schüsse in kurzer Folge. Plopp. Plopp. Plopp. Auf den Aufnahmen sieht man, wie sich Trump ans rechte Ohr fasst, wie das Publikum kreischt, wie Trump zu Boden geht und sich hinter seinem Rednerpult verschanzt. Weitere Schüsse fallen, Plopp, Plopp, Plopp. Innerhalb von Sekunden stürmen fünf Sicherheitsleute vom Secret Service auf die Bühne und werfen sich über Trump.
Für einige lange Augenblicke herrscht Ungewissheit. Man sieht nur das leere Podium und panische Zuschauer. Dann ist ein letzter Schuss zu hören, wahrscheinlich der, mit dem der Attentäter „neutralisiert“ wurde. „Shooter is down“, ruft ein Sicherheitsbeamter. Dann meint man über das Mikrofon die Stimme des am Boden liegenden Trump zu hören: „Lasst mich meine Schuhe anziehen.“ Die Sicherheitsleute helfen ihm wieder auf die Beine, und Trump besteht darauf, seine Schuhe zu bekommen.
Die Faust des Überlebenden
Trump wirkt benommen und verwirrt, verständlich für einen 78-Jährigen, der gerade angeschossen wurde. Doch dann scheint er eine Eingebung zu haben. Er ballt die Faust, eine Siegerfaust, und ruft: „Fight.“ Das Publikum, eben noch in Todesangst, applaudiert jetzt. „USA! USA! USA!“, skandieren sie, als Trump, auf einen Helfer gestützt, die Faust geballt und die Backe blutverschmiert, von der Bühne geleitet wird.
Die Inszenierung eines Märtyrers
Wenige Minuten später kursieren die Bilder in den sozialen Medien, heldenhaft inszeniert. Aus der Froschperspektive sieht Trump wie ein furchtloser Freiheitskämpfer aus. „GOD BLESS AMERICA!“, schreibt er auf Truth Social. „God saved Trump“, prangt über den Bildern. Dieser Wahlkampf hat jetzt einen Märtyrer.
Der mutmaßliche Attentäter, Thomas Matthew Crooks, 20 Jahre alt, wurde vom Secret Service erschossen. Dieser Vorfall verändert den Wahlkampf komplett. Zuletzt stand Bidens Gesundheit im Fokus, nun ist Trump der Überlebende, der eine vereinte Partei anführt, während die Demokraten über Bidens Kandidatur streiten.
Biden und die Folgen
Am Samstagabend tritt Biden in der Polizeistation von Rehoboth Beach vor die Reporter. „In Amerika gibt es keinen Platz für diese Art von Gewalt“, sagt er. „Das ist krank. Das ist einer der Gründe, warum wir dieses Land vereinen müssen.“ Doch trotz dieser Worte wird es für die Demokraten schwierig, Trump als Gefahr für die Demokratie darzustellen.
Die Kugeln und ihre Folgen
Die Kugeln hätten Trumps Kopf treffen sollen, mindestens ein Zuschauer wurde getötet. Trump zählt jetzt zu den Präsidenten und Präsidentschaftskandidaten, die dem Tod knapp entgangen sind. Ronald Reagan überlebte 1981 einen Anschlag, Abraham Lincoln wurde 1865 ermordet, John F. Kennedy 1963 in Dallas.
Auch die Republikaner im Kongress wollen die Verantwortlichen des Secret Service vorladen. Verschwörungstheorien ranken sich um den Attentäter Crooks. Erste Informationen deuten darauf hin, dass er ein Einzeltäter war. Doch in sozialen Medien kursieren bereits wilde Thesen.
Ein Symbol für ein gespaltenes Land
Das Foto, das an diesem denkwürdigen 13. Juli entstand, wird das Symbolbild für politische Gewalt und ein auseinanderfallendes Amerika. Trump sieht darauf aus wie eine Mischung aus der Freiheitsfigur Marianne und Sylvester Stallone als Rocky Balboa. Für Trump und seine Anhänger bedeutet dieses Bild: Seht her, meine Gegner wollen mich töten, aber ich stehe immer noch.
Für Trump ist die Existenz dieses Bildes ein Geschenk. Seine Kampagne nutzt es bereits zur Spendenjagd. Die Republikaner wollen jetzt die Deutungshoheit in Sachen politischer Gewalt übernehmen. Ein neuer Höhepunkt in einem Wahlkampf, der noch lange in Erinnerung bleiben wird.
