Ära Merkel: Was bleibt von der „ewigen Kanzlerin“?

Angela Merkel hat Geschichte geschrieben: Als erste Frau im Bundeskanzleramt regierte sie 16 Jahre lang. Was bleibt aus ihrer Regierungszeit? Und wer ist der Mensch Angela Merkel wirklich? Eine ARD-Dokumentation versucht, diese Fragen zu beantworten.

Vom Mauerfall zur Macht

Merkels Weg in die Politik war nicht vorgezeichnet. Geboren in Hamburg und aufgewachsen in der DDR, war sie Pfarrerstochter und Physikerin. Erst nach der Wende, Mitte Dreißig, erwachte in ihr der politische Ehrgeiz. Sie trat dem Demokratischen Aufbruch bei, einer Bürgerbewegung, die später in der CDU aufging. Helmut Kohl erkannte früh ihr Potenzial und machte sie 1990 zur Ministerin. Diese Blitzkarriere brachte ihr den Spitznamen „Kohls Mädchen“ ein. Sie galt als „Doppelquote“: Frau und Ossi. Lange wurde sie unterschätzt, insbesondere von ihren männlichen Parteikollegen.

Vom Image zur Macht

Trotz ihres raschen Aufstiegs musste Merkel sich von ihrem Image als „Kohls Mädchen“ befreien. Dies gelang ihr unter anderem, indem sie nach der CDU-Spendenaffäre Kohls Fall einleitete und 2000 Parteivorsitzende wurde. Männliche Arroganz wie die des damaligen Kanzlers Gerhard Schröder, der 2005 nach der Bundestagswahl höhnisch fragte, ob seine Partei tatsächlich in eine Regierung unter Merkel eintreten würde, wurde widerlegt: Merkel führte gleich drei Große Koalitionen an. Schröder war bald Geschichte.

Pragmatische Kanzlerin

Merkels Regierungsstil war geprägt von Pragmatismus. Ihr Motto: „Ich sehne mich nach dem Machbaren. Erst nachdenken und beraten, danach erst entscheiden.“ Diese Herangehensweise half ihr, Deutschland durch diverse Krisen zu steuern: Finanzkrise, Wirtschaftskrise, Migrationskrise und Coronakrise. Viele sahen Deutschland unter ihrer Führung besser aufgestellt als andere Länder.

Doch es gibt auch Kritik. Die Publizistin Marina Weisband bemängelt, Merkel habe Krisen nur verwaltet, statt sie aktiv zu lösen. Langfristige Investitionen, besonders im Bereich Klimaschutz, seien vernachlässigt worden. Thomas de Maizière, langjähriger politischer Weggefährte, sieht Merkel hingegen als Vertreterin der damaligen Stimmung in Deutschland: Bürger und Wirtschaft hätten mit ihren Entscheidungen gut gelebt und wenig Veränderung gewollt.

Die Spaltung der Gesellschaft

Merkels Entscheidung, 2015 die Grenzen für Geflüchtete zu öffnen, bleibt umstritten. Ihr Satz „Wir schaffen das“ polarisiert bis heute. Während einige ihre Menschlichkeit loben, werfen ihr andere vor, die Ängste vieler Bürger nicht ernst genommen zu haben. Diese Überforderung führte zur Etablierung starker rechter Kräfte wie Pegida und AfD. Einige Parteikollegen meinen, Merkel habe die CDU zu weit in die Mitte geführt und den rechten Rand vernachlässigt. Eine Konservative war sie nie, aber sonst ist unklar, wofür sie politisch stand.

Internationales Krisenmanagement

Merkel war international eine gefragte Krisenmanagerin. Ihre männlichen Amtskollegen schätzten ihre Fähigkeit, selbst in festgefahrenen Situationen Kompromisse zu finden. In Nachtsitzungen mit „Angela“ wurden oft Lösungen erarbeitet, die alle Beteiligten ohne Gesichtsverlust mittragen konnten.

Versäumnisse in der Russlandpolitik

Merkels Verhältnis zu Wladimir Putin war von Anfang an angespannt. Trotz Friedensverhandlungen zu den Separatistengebieten in der Ostukraine 2015 blieb der Erfolg aus. Marina Weisband wirft Merkel vor, Putin mit unwirksamen Verträgen gestärkt zu haben. Deutschland habe zu sehr auf die Versorgung mit billigen russischen Rohstoffen gesetzt und dadurch notwendige militärische Unterstützung für die Ukraine vernachlässigt.

Eine gemischte Bilanz

Was bleibt von Angela Merkels Kanzlerschaft? Ihre Bilanz ist gemischt. Sie wird sowohl für ihre pragmatische Krisenbewältigung gelobt als auch für ihre Versäumnisse, insbesondere im Bereich Klimaschutz und Russlandpolitik, kritisiert. Eines steht jedoch fest: Merkel hat die deutsche und internationale Politik nachhaltig geprägt.

So bleibt die „ewige Kanzlerin“ eine Figur, die ebenso viel Respekt wie Kontroversen hinterlässt.

Hinterlasse einen Kommentar