Ein Ikone des Widerstands und die Verblassende Erinnerung
Oberst Claus Schenk Graf von Stauffenberg, der kriegsversehrte Wehrmachtsoffizier und mutige Hitler-Attentäter, ist in der Bundesrepublik heute als eine der herausragenden Figuren des deutschen Widerstands gegen das NS-Regime bekannt. Sein Bild ziert die Buchdeckel zahlreicher Biografien, und seine Geschichte wurde in Spielfilmen, Blockbustern und Theaterstücken verewigt. Dennoch verblasst die Erinnerung an das historische Ereignis immer mehr. Eine Studie des Allensbach-Instituts aus dem Jahr 2014 zeigt, dass immer weniger junge Menschen den Namen Stauffenberg mit etwas Konkretem verbinden. Gleichzeitig vermarktet ein rechtskonservativer Verlag erfolgreich Stauffenberg-T-Shirts im Pop-Art-Stil.
Wenig echte Erinnerung, viel Projektion
„Stauffenberg ist neben den Geschwistern Scholl das Sinnbild für den Widerstand geworden, obwohl die Rezeptionsgeschichte durchaus kompliziert war und bis heute noch irgendwie ist“, erklärt Ulrich Schlie, Historiker und Professor für Sicherheits- und Strategieforschung an der Universität Bonn. In einem Podcast betont er: „Wenn wir ihn wirklich verstehen wollen, tun wir gut daran, ihn zunächst einmal als einen etwas untypischen Soldaten zu verstehen.“ Stauffenberg war der behütete Spross einer alten Adelsfamilie, ein Patriot, der Cello spielte, griechische Klassiker im Original las und zum engsten Freundeskreis um den Dichter Stefan George gehörte.
Was am 20. Juli 1944 geschah
Am 20. Juli 1944, um die Mittagszeit, deponierte Stauffenberg im Führerhauptquartier „Wolfsschanze“ eine Bombe. Der Hochsicherheitskomplex, tief in den Wäldern Ostpreußens gelegen, war stark bewacht. Hitler hatte zu einer Lagebesprechung eingeladen. Stauffenberg und eine deutschlandweit vernetzte Gruppe von Verschwörern aus über 200 Militärs, Adeligen sowie zivilen Männern und Frauen wollten dem NS-Terrorregime ein Ende setzen. Monatelang arbeiteten sie heimlich und unter Lebensgefahr an einem Umsturzplan: Stauffenberg sollte Hitler mit einem Sprengsatz töten, um den Weg für einen neuen Rechtsstaat zu ebnen. Doch das Attentat scheiterte. Hitler wurde nur leicht verletzt und ließ Stauffenberg und seine engsten Vertrauten in Berlin standrechtlich erschießen.
„Der erste Interpret war Hitler“
In einem historischen Radiobeitrag, veröffentlicht vom ARD-Archivradio, sind Reaktionen vom Tag nach dem gescheiterten Attentat zu hören. Hitler selbst wandte sich in einer Rundfunkansprache an die Bevölkerung und bezeichnete Stauffenberg und seine Mitverschwörer als „ganz kleine Clique ehrgeiziger und verbrecherisch-dummer Offiziere“. „Der erste Interpret des 20. Juli 1944 war Hitler, der damit etwas total marginalisiert hat, was viel größer war, als die Nazis natürlich zugeben wollten“, meint Sophie Bechtolsheim, Historikerin und Stauffenberg-Enkelin. Sie sieht sich bis heute mit den unterschiedlichsten Vereinnahmungen ihres Großvaters konfrontiert. Dem SWR erklärt sie: „Das Abstruse ist, dass sich alle politischen Lager versucht haben, meines Großvaters zu bemächtigen. Es gibt zum Beispiel eine Biografie aus der DDR-Zeit, die versucht, Stauffenberg in den Klassenkampf einzupflegen. Und jetzt tut es die Neue Rechte, die den Patriotismus kapert, um damit ihr eigenes Tun und Denken zu legitimieren.“
Noch lange nicht fertig mit dem Thema
Auch der Militärhistoriker Ulrich Schlie beobachtet diese Entwicklung: „All diejenigen, die damals aufgestanden sind, können heute ihre Stimme nicht mehr erheben, weil sie nicht mehr leben“, sagt er. „Man hat also im Grunde so lange gewartet für diese Indienstnahme, bis niemand mehr aus dem Kreis sich dagegen lautstark vernehmlich äußern kann.“ Schlie hält es daher für sehr wichtig, die historische Erinnerung an Stauffenberg und die Ereignisse des 20. Juli 1944 lebendig zu halten: „Denn die Frage: Wer hält stand? Wie kann ich dafür sorgen, dass das Unrecht wieder durch Recht ersetzt wird? Das sind leider weltweit ganz aktuelle Fragen. Wir sind mit dem Thema lange noch nicht fertig.“
Fazit: Der untypische Soldat als Symbol des Widerstands
Claus Schenk Graf von Stauffenberg bleibt eine herausragende Figur im deutschen Widerstand gegen das NS-Regime. Die Komplexität seiner Person und die Herausforderungen, die sein Erbe begleiten, zeigen, wie wichtig es ist, die Geschichte nicht zu vergessen und vor Vereinnahmungen zu schützen. Möge seine mutige Tat uns stets daran erinnern, dass der Kampf für Gerechtigkeit und Menschlichkeit nie endet.
