Eine Studie beleuchtet die Gründe für den politischen Rechtsruck auf dem Land
Thüringen – In vielen ländlichen Gebieten wird die AfD überdurchschnittlich stark gewählt. Eine Studie des Tübinger Instituts für Rechtsextremismusforschung (IRex) hat sich nun intensiv mit dieser Thematik auseinandergesetzt. Überraschungen blieben aus, doch einige Erkenntnisse bestätigen lang gehegte Befürchtungen.
Der Streit in Bodelshausen: Ein Mikrokosmos des Problems
Ein Beispiel ist die kleine Gemeinde Bodelshausen in der Nähe von Tübingen. Hier sollte ein ehemaliges Firmengebäude in eine Flüchtlingsunterkunft umgewandelt werden, was jedoch zu erheblichen Spannungen in der Bevölkerung führte. „Genau durch diesen Streit hat die AfD gewonnen“, meint Rolf Frankenberger, Forscher am IRex.
Konstrukte extrem rechter Parteien
Das Institut hat herausgefunden, dass extrem rechte Parteien oft eine romantisierte Vorstellung von Raum und Heimat pflegen. „Heimat wird da konstruiert als etwas mit uralten Traditionen, der deutschen Sprache, mit etwas Gewachsenem, Organischem“, erläutert Frankenberger. Diese Konstrukte schaffen eine Identität, die sich gegen das Fremde abgrenzt, was besonders im ländlichen Raum zu einer verstärkten Unterstützung für die AfD führt.
Urbanes versus rurales Denken
Die Forschenden des IRex sprechen von einem Aufeinandertreffen von „urbanem“ und „ruralem“ Denken, besonders deutlich in der Umgebung von Universitätsstädten. In diesen ländlichen Gebieten prallen weltoffene, tolerante Einstellungen auf konservative, traditionelle Weltbilder. Dies bietet einen fruchtbaren Boden für Konflikte, die von der extremen Rechten gezielt instrumentalisiert werden.
Instrumentalisierte Proteste
Ein prominentes Beispiel hierfür sind die Bauernproteste gegen die Streichung von Dieselsubventionen. Hier sprang die AfD auf den Zug auf und versuchte, die legitimen Anliegen der Landwirte für ihre Zwecke zu nutzen. „Die eigene Identität wird beschworen und die Angst vor dem Neuen und Fremden geschürt“, so Frankenberger. Diese Strategie zeigt Erfolg und sorgt für hohe Wahlergebnisse der AfD im ländlichen Raum.
Unterschiedliche Ansätze extremer Parteien
Interessant ist der Vergleich zu extrem linken Parteien, die ebenfalls aus Ängsten Kapital schlagen, jedoch auf andere Themen setzen. Während die extreme Rechte nationalistische und rassistische Argumente nutzt, fokussieren sich extreme Linke auf Klimaangst und soziale Gerechtigkeit. Diese unterschiedlichen Herangehensweisen machen einen entscheidenden Unterschied im politischen Diskurs aus.
Das Beispiel Bodelshausen
In Bodelshausen erzielte die AfD bei der Europawahl 19,5 Prozent der Stimmen, fast doppelt so viel wie die Grünen. In der benachbarten Universitätsstadt Tübingen war das Ergebnis genau umgekehrt. Frankenberger betont jedoch, dass diese Unterschiede nicht nur geografisch zu verstehen sind. „Wie ländlich-konservativ oder wie städtisch-weltoffen wir sind, hängt nicht vom Wohnort ab. Das sind Gedankenwelten und Einstellungen, die sich auch verändern können.“
Der andauernde Streit
Die geplante Flüchtlingsunterkunft in Bodelshausen ist weiterhin ein Streitpunkt. Der Gemeinderat hat den Bebauungsplan geändert, um ein Unternehmen anstelle von Flüchtlingen in das Gebäude einziehen zu lassen. Das Landratsamt Tübingen will das nicht akzeptieren. Der Konflikt geht weiter und zeigt exemplarisch, wie tief die Gräben zwischen unterschiedlichen politischen Ansichten verlaufen.
Fazit
Die Studie des Tübinger Instituts für Rechtsextremismusforschung liefert wertvolle Einblicke in die Dynamiken, die den politischen Rechtsruck im ländlichen Raum begünstigen. Die romantisierte Konstruktion von Heimat, das Aufeinandertreffen verschiedener Denkweisen und die gezielte Instrumentalisierung von Ängsten durch die AfD sind zentrale Faktoren. Es bleibt abzuwarten, wie diese Entwicklungen die politische Landschaft in Zukunft prägen werden.
