In einem erschütternden Bericht, der weit über die Grenzen des Bistums Essen hinausgeht, tauchen erstmals Vorwürfe sexuellen Missbrauchs gegen den verstorbenen und hochangesehenen Kardinal Franz Hengsbach auf. Dieser Vorfall markiert den ersten Verdacht gegen einen deutschen Kardinal in dieser Angelegenheit.
Kardinal Franz Hengsbach, einer der prominentesten Kirchenmänner der deutschen Nachkriegsgeschichte, steht nun posthum unter dem Verdacht sexueller Übergriffe gegen Minderjährige, die sich in den 1950er- und 1960er-Jahren ereignet haben sollen. Hengsbach, der Gründerbischof des Bistums Essen und bis heute populär, war über drei Jahrzehnte lang vor allem als Anwalt der Bergleute im Ruhrgebiet bekannt und aktiv.
Das Bistum Essen hat nach den Anschuldigungen von mittlerweile drei Personen diese „gravierenden Vorwürfe“ öffentlich gemacht und gleichzeitig mögliche weitere Betroffene aufgerufen, sich zu melden. Der jüngste Vorwurf stammt aus dem Oktober 2022, während die beiden anderen Anschuldigungen bereits im Jahr 2011 erhoben wurden. Das Bistum hat keine näheren Angaben zur Art der Übergriffe gemacht, um die Persönlichkeitsrechte der Betroffenen zu schützen.
Kardinal Hengsbach ist der erste deutsche Kardinal, gegen den Missbrauchsvorwürfe erhoben werden. Es gibt auch Vorwürfe gegen zwei weitere deutsche Bischöfe: den ehemaligen Auslandsbischof Emil Stehle (1926-2017) aus dem Erzbistum Freiburg und den ehemaligen Hildesheimer Bischof Heinrich Maria Janssen (1907-1988).
Die Vorwürfe gegen Kardinal Hengsbach sind besonders schockierend, da er sich in seiner langjährigen Amtszeit als Bischof und als Anwalt der Bergleute im Ruhrgebiet einen guten Ruf erworben hatte. Er war auch 17 Jahre lang Militärbischof und Initiator des katholischen Lateinamerika-Hilfswerks Adveniat.
Die Vorwürfe wurden erst im vergangenen Herbst gemeldet und beziehen sich auf Vorfälle aus den 1950er-Jahren. Das Erzbistum Paderborn, wo Hengsbach zuvor Weihbischof war, hat die Vorwürfe von 2011 damals als nicht plausibel eingestuft. Jedoch wurden die Anschuldigungen erneut geprüft und als glaubwürdig befunden. Eine Frau behauptete, dass sie als 16-Jährige im Jahr 1954 sowohl von Kardinal Hengsbach als auch von seinem Bruder Paul sexuell missbraucht wurde.
Die Kirche steht erneut in der Kritik, die Aufklärung von Missbrauchsfällen zu verzögern. Die Initiative „Eckiger Tisch“ fordert eine unabhängige Untersuchungskommission, um die Vorfälle in den katholischen Bistümern zu untersuchen. Die Enthüllungen gegen Kardinal Hengsbach könnten eine Ikone mit katholisch-konservativen Werten ins Wanken bringen, sollte sich der Verdacht weiter erhärten.
