Wenn dicke Jacken und Wollmützen zum Verhängnis werden
Es war ein kühler Tag, an dem die mutmaßlichen Verschwörer um Prinz Reuß aufflogen. In dicken Jacken und Wollmützen trafen sich drei Männer auf einem Supermarktplatz im oberfränkischen Waischenfeld. Was wie ein normales Treffen aussah, entpuppte sich als Geburtsstunde eines der größten Ermittlungsverfahren der deutschen Nachkriegsgeschichte.
Ein unauffälliger Landschaftsgärtner als Schlüsselfigur
Christian W., ein Landschaftsgärtner aus Olbernhau in Sachsen, könnte laut MDR-Recherchen eine zentrale Rolle bei der Aufdeckung der Verschwörung gespielt haben. Am 3. März 2022 traf er sich mit dem ehemaligen Bundeswehrsoldaten Peter W. und Sven B., einem Mitglied der „Vereinigten Patrioten“, die ihrerseits im Verdacht stehen, Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach entführen und einen Blackout in Deutschland herbeiführen zu wollen.
Die Verbindung zu den „Vereinigten Patrioten“
Dieses Treffen erregte die Aufmerksamkeit der Ermittler, da Sven B. bereits im Rahmen der Operation „Collector“ überwacht wurde. In einem abgehörten Telefonat berichtete B., dass die Reuß-Gruppe die „Vereinigten Patrioten“ um Kooperation gebeten hatte. Unfreiwillig lieferte er damit wertvolle Informationen zu einer bis dahin unbekannten mutmaßlichen Terrorgruppe.
Die paramilitärischen Pläne der Reuß-Gruppe
Die Gruppe um Prinz Reuß plante nicht weniger als den gewaltsamen Umsturz der Bundesregierung. Der Generalbundesanwalt wirft ihnen die Bildung einer terroristischen Vereinigung und den Versuch eines bewaffneten Überfalls auf den Bundestag vor. Die Verschwörer wollten die Macht mit Hilfe von 286 paramilitärischen „Heimatschutz Kompanien“ übernehmen.
Ein Ex-Soldat als „Waffen- und Zeugmeister“
Christian W. gilt als wichtiger Akteur in der Gruppe. Der Ex-Stabsunteroffizier besaß legal 15 Waffen und war bereits in der „Reichsbürger“- und Corona-Leugner-Szene aktiv. Seine Rolle in der Verschwörung führte zu häufigen Konflikten mit den Behörden. Im Sommer 2022 wurde er zum Abteilungsleiter „Weiterentwicklung und Beschaffung“ sowie zum „Waffen- und Zeugmeister“ ernannt.
Von Preppern und Veteranen
Bei seiner Festnahme fand die Polizei neben Munition und Waffenteilen auch große Mengen an Konservendosen und Lebensmitteln – ein klassisches Prepper-Verhalten. Christian W. war zudem Administrator der Telegram-Gruppe „Veteranenpool“, die während der Corona-Pandemie angeblich Demonstrationen vor Polizeigewalt schützen wollte.
Unterstützung aus der Heimat
Christian W. erhielt Unterstützung von Frank R., einem Kfz-Mechaniker und Heilpraktiker aus Olbernhau. Gemeinsam organisierten sie Rekrutierungstreffen für die „Heimatschutz Kompanien“. Diese Treffen fanden offenbar auf einem ehemaligen Rittergut in Mulda, Mittelsachsen, statt.
Die langen Arme der Ermittlungen
Das Bundeskriminalamt (BKA) stieß bei einer Durchsuchung auf Listen mit Dutzenden Namen, die sich den „Heimatschutz Kompanien“ anschließen wollten. Diese Personen hatten Verschwiegenheitserklärungen unterzeichnet, was nun zu Ermittlungen der Bundesanwaltschaft führte. Eine jüngste Razzia in Niedersachsen und Sachsen-Anhalt zeigt, dass die Netzwerke der Verschwörer weit reichen.
Der Prozess und die Unschuldsvermutung
Insgesamt sind 26 Frauen und Männer angeklagt. Die Verfahren finden parallel an den Oberlandesgerichten Stuttgart, Frankfurt am Main und München statt. Für alle Angeklagten gilt die Unschuldsvermutung. Die Anwälte von Christian W. und Frank R. haben bisher auf Anfragen nicht reagiert.
Fazit
Die Verstrickungen und Netzwerke der Reuß-Gruppe und ihrer Unterstützer sind komplex und weitreichend. Während die Öffentlichkeit sich über die skurrilen Esoterik-Elemente der Verschwörung wundern mag, bleibt die ernsthafte Bedrohung durch solche extremistischen Gruppierungen ein ernstes Anliegen für die Justiz und die Sicherheitsbehörden. Humor ist zwar gut, aber bei solchen Themen sollten wir den Ernst der Lage nicht aus den Augen verlieren.
