Wirecard-Prozess: Der überlastete Buchhalter im Mittelpunkt

„Wir hatten nicht die Zeit und Kraft, alles zu hinterfragen“ – Der Wirecard-Prozess aus der Sicht des ehemaligen Chefbuchhalters

Im Wirecard-Prozess sorgt der ehemalige Chefbuchhalter Stephan von Erffa für Aufsehen. Er schilderte dem Gericht erstmals seine Sicht der Dinge und präsentierte sich als überlasteter Topmanager, der kaum die Kapazitäten hatte, wichtige Entscheidungen zu hinterfragen.

Von Erffa, 49 Jahre alt, beschreibt sich selbst als „Koordinator“ und „Projektsteuerer auf höherem Level“. Er habe lediglich Aufgaben verteilt und sei angesichts einer Arbeitslast von 60 bis 70 Stunden pro Woche ständig unter Druck gewesen. Entscheidungen habe er jedoch nie getroffen, geschweige denn strategische Entscheidungen beeinflusst. Den Betrug, für den er sich verantworten muss, habe er nie miterlebt.

Keine Entscheidungskompetenzen und Ressourcen

Vor Gericht betonte von Erffa mehrfach, dass seine Abteilung nicht im „driver seat“ gewesen sei. „Wir hatten nicht die Zeit und Kraft, alles zu hinterfragen,“ erklärte er. Seit Dezember 2022 steht er vor dem Münchner Landgericht, gemeinsam mit Markus Braun, dem ehemaligen Wirecard-Chef, und Oliver Bellenhaus, dem früheren Dubai-Statthalter des Konzerns. Die Anklage wirft ihnen vor, Teile des Geschäfts komplett erfunden zu haben, um den Aktienkurs des Unternehmens in die Höhe zu treiben. Der Vorwurf lautet auf bandenmäßigen Betrug.

Braun als Drahtzieher, Bellenhaus als Kronzeuge

Laut Anklage war Braun der Kopf der Bande, der bedeutende Kennzahlen vorgab, die Bellenhaus nach Wunsch fälschte und von Erffa in die Buchhaltungssysteme eingab. Während Braun und von Erffa die Vorwürfe bestreiten, hat Bellenhaus als Kronzeuge den Betrug gestanden und die beiden schwer belastet.

Von Erffa, der angeblich nicht einmal genug Geld für seine Anwältin hat, hat bisher geschwiegen. Nach 130 Verhandlungstagen äußerte er sich erstmals und trug Teile seiner knapp 200-seitigen Erklärung vor. Er schilderte detailliert seinen Arbeitsalltag und den enormen Zeitdruck, unter dem die Jahresabschlüsse entstanden. Von Erffa sieht sich selbst als Opfer, auch der Staatsanwaltschaft, die ihm Verdunkelungsabsichten vorwarf.

Von Erffa – kein typischer Buchhalter

Von Erffa betonte, dass er eigentlich gar kein Buchhalter sei und nie eine fachliche Leitung innegehabt habe. Er fühlte sich wie ein Jongleur, der zu viele Bälle gleichzeitig in der Luft halten musste. Als er bei seinen Erklärungen zu ausführlich wurde, unterbrach ihn der Richter. Von Erffa solle sich auf relevante Dinge konzentrieren, statt neue Beweise einzuführen.

Den Kronzeugen Bellenhaus beschuldigte von Erffa, aus Hass und Neid gehandelt zu haben. Bellenhaus sei „gut im Lügen“. Allerdings räumte von Erffa ein, selbst Fehler gemacht zu haben, die er bereue, ohne jedoch ins Detail zu gehen.

Beweismittel und zweifelhafte Darstellungen

Die Staatsanwaltschaft zweifelt stark an von Erffas Darstellung. So habe er Belege für einen Millionenbetrag gefälscht, der angeblich von Treuhandkonten an Wirecard überwiesen wurde, tatsächlich aber von Wirecard selbst kam. In Vernehmungen hatte von Erffa dies eingeräumt. Seine Verteidigerin erklärte, er habe an die Existenz des Geschäfts geglaubt und die Belege gefälscht, nachdem Bellenhaus dies gefordert habe.

Ein Deal auf dem Tisch

Richter Markus Födisch bot von Erffa im Vorfeld einen Deal an: ein umfassendes Geständnis gegen eine Haftstrafe von sechs bis acht Jahren. Von Erffa scheint dies jedoch nicht sonderlich attraktiv zu finden. Seine Aussagen könnten dennoch einen Wendepunkt im Prozess darstellen, da er näher an Braun und dem flüchtigen Vorstand Jan Marsalek arbeitete als Bellenhaus.

Psychologische Beurteilung

Psychologen und Psychiater haben von Erffa für schuldfähig erklärt. Ein Gutachten sollte klären, ob er wegen einer autistischen Störung möglicherweise nicht oder nur eingeschränkt belangt werden könnte. Hinweise auf eine solche Störung wurden jedoch nicht gefunden.

Der Wirecard-Prozess wird fortgesetzt, und ein Urteil ist frühestens im Frühjahr nächsten Jahres zu erwarten. Von Erffa wird seine Schilderungen fortsetzen und möglicherweise noch weitere Einblicke in die Vorgänge bei Wirecard geben. Bis dahin bleibt abzuwarten, ob seine Aussagen das Verfahren entscheidend beeinflussen werden.

Humorvolle Anmerkung: Wer hätte gedacht, dass ein Buchhalter in der Finanzwelt mehr jonglieren muss als ein Zirkusartist?

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