Ein neuer Wind im Börsenhandel
Der Wettbewerb um Kunden im Aktien- und Fondshandel wird härter. Filialbanken, Discount-Anbieter und nun auch die sogenannten „Neobroker“ buhlen um die Gunst der Verbraucher. Doch wie verlockend sind diese neuen Angebote wirklich? Ein objektiver Blick hinter die Kulissen.
Neobroker, eine neue Generation junger Banken und Broker, mischt seit einigen Jahren den Markt auf. Namen wie Trade Republic, Scalable Capital, Justtrade und Smartbroker sind hier federführend. Besonders die technikaffine, junge Generation greift begeistert auf diese neuen Trading-Apps zu – bevorzugt über das Smartphone.
Wenig Personal, viel Technik
Der Charme der Neobroker liegt nicht nur in ihrer benutzerfreundlichen App-Oberfläche, sondern auch in den konkurrenzlosen Konditionen. Während Filialbanken bis zu einem Prozent des Kaufwertes an Gebühren verlangen, sind Discountbroker wie Comdirect oder Consorsbank schon deutlich günstiger. Neobroker hingegen erheben oft nur symbolische Gebühren von einem Euro oder bieten sogar komplett kostenfreie Trades an. Depotgebühren? Fehlanzeige.
Was steckt dahinter? Neobroker verzichten weitgehend auf Personal und persönliche Beratung, was zu erheblichen Kosteneinsparungen führt. Stattdessen setzen sie auf modernste Software für die Abwicklung der Wertpapiergeschäfte. Laut Markus Jordan vom ETF-Verbraucherportal extraETF, ermöglicht diese Effizienz die attraktiven Konditionen der Neobroker.
Handel über Partnerbanken
Neobroker arbeiten meist mit Partnerbanken zusammen, welche die gekauften Wertpapiere in Depots verwahren. Diese Partnerbanken unterliegen der Aufsicht der BaFin, genau wie traditionelle Anbieter. Einlagen sind bis zu 100.000 Euro gesetzlich gesichert, und Wertpapiere gelten als Sondervermögen, welches treuhänderisch verwaltet wird. In Deutschland gibt es etwa ein halbes Dutzend Neobroker mit BaFin-Lizenz, die kontinuierlich neue Kunden gewinnen. Trade Republic, der deutsche Marktführer, zählt bereits über 2,5 Millionen Nutzer.
Haupteinnahmequelle: Rückvergütungen
Derzeit stammt ein Großteil der Einnahmen der Neobroker aus Rückvergütungen für Orderflows – auch bekannt als „Payment for Order Flow“ (PFOF). Neobroker erhalten Geld dafür, dass sie Orders an bestimmte Handelsplätze weiterleiten. Dieses Geschäftsmodell steht jedoch unter Druck, da die EU plant, PFOF ab 2026 zu untersagen.
Das rasante Wachstum der Neobroker bringt auch Herausforderungen mit sich. Beispielsweise konnte Trade Republic 2021 aufgrund von Überlastung zahlreiche Orders für die US-Aktie Gamestop nicht ausführen. Kürzlich sorgten Verzögerungen bei Dividendenauszahlungen und fehlerhafte Steuerberechnungen für Beschwerden. Unternehmenschef Christian Hecker kündigte daraufhin einen Ausbau des Kundenservices an.
Serviceprobleme und Marketingtricks
Probleme mit dem Kundenservice sind in der Branche keine Seltenheit. Ralph Kummer vom Bundesverband der Verbraucherzentralen berichtet von unbeantworteten oder unzureichend bearbeiteten Anfragen. Oft erhält man nur generische Antworten von Chatbots, die nicht weiterhelfen.
Auch aggressive Marketingstrategien sind bei Neobrokern üblich. Neue Fondsprodukte und Trend-Aktien werden oft stark beworben, um die Kunden zu häufigem Handel zu animieren. Schließlich gilt: Je mehr Trades, desto besser für den Broker.
Ein Blick auf die Handelsplätze
Trotz günstiger Handelskosten sind nicht alle Fonds oder ETFs bei jedem Neobroker erhältlich. Die Auswahl der Handelsplätze ist ebenfalls eingeschränkt. So ist der Xetra-Handelsplatz der Deutschen Börse nicht immer verfügbar, was besonders zu Randzeiten der Börse zu ungünstigen Kursen führen kann.
Zukunftsaussichten
Viele Neobroker erweitern ihr Angebot um Tagesgeld- und Girokonten sowie Kreditkarten, um als „Vollbank“ zu agieren und neue Einnahmequellen zu erschließen. Dies ist auch notwendig, da die Einnahmen aus PFOF bald wegfallen könnten. Einige Neobroker haben bereits angekündigt, auch ohne PFOF weiterhin günstigen oder kostenlosen Handel anzubieten. Ob dies gelingt, hängt von der kontinuierlichen Kundengewinnung und dem Wachstum der Branche ab.
Fazit
Neobroker bieten eine kostengünstige und benutzerfreundliche Alternative zu traditionellen Banken und Discountbrokern. Doch Verbraucher sollten genau prüfen, ob diese Angebote ihren Bedürfnissen entsprechen, und sich der potenziellen Serviceprobleme und Einschränkungen bewusst sein. Mit einem humorvollen Augenzwinkern lässt sich sagen: Der Aktienhandel zum Nulltarif klingt verlockend, doch wer billig kauft, sollte auf den Service nicht verzichten.
