Der digitale Therapeut aus der App
„Nimm ein paar tiefe, langsame Atemzüge…“ Die künstliche Intelligenz (KI) in der neuen App des Mannheimer Zentralinstituts für Seelische Gesundheit gibt Anweisungen zur Entspannung. Diese App, entwickelt für Jugendliche, zielt darauf ab, das Risiko psychischer Erkrankungen zu verringern und könnte bald auch in der Psychotherapie zum Einsatz kommen.
Die App fragt die Nutzer regelmäßig nach ihrer Stimmung, leitet personalisierte Übungen an und gibt individuelle Tipps zur Verbesserung der psychischen Gesundheit. Die KI-gestützte Technologie nutzt Vorhersagemodelle, um den emotionalen Zustand der Nutzer zu bewerten und passende Übungen auszuwählen. „Durch präzisere Vorhersagen können wir gezielt passende Trainings anbieten“, erklärt KI-Forscherin Georgia Koppe.
Erste Studienergebnisse zeigen, dass Jugendliche von den maßgeschneiderten Übungen profitieren. Die Testnutzerin Patrice Erhard berichtet von einer erhöhten Selbstwahrnehmung und besseren emotionalen Verarbeitung während des Tests.
KI in der Psychotherapie: Der nächste Schritt?
Aktuell ist die Mannheimer App kein Medizinprodukt und darf nicht in der psychotherapeutischen Behandlung eingesetzt werden. Doch Psychiater Florian Bähner sieht großes Potenzial: „Eine Therapiesitzung ist nur eine Stunde in der Woche – KI-Apps könnten dabei helfen, das Gelernte im Alltag anzuwenden.“ KI könnte künftig die Zeit zwischen den Therapiesitzungen überbrücken und in Verhaltenstherapien unterstützen. Chatbots könnten zusätzlich als Ansprechpartner dienen, um die Zeit zwischen den Sitzungen zu füllen.
Bereits existierende Chatbots wie Wysa oder Woebot bieten Unterstützung bei psychischen Problemen, sind jedoch noch nicht als Medizinprodukte zugelassen und haben oft den Nachteil, dass ihre Antworten regelbasiert und wenig flexibel sind. Neuere Sprachmodelle wie ChatGPT bieten zwar eine natürlichere Kommunikation, haben aber noch ihre Schwächen und können keine umfassenden Therapiepläne verfolgen. Sie werden daher vermutlich keinen Therapeuten ersetzen, könnten aber in der Zukunft Übungen in Sprachdialogform anbieten.
KI und die Diagnostik: Ein Blick auf die Möglichkeiten
In der Zukunft könnte KI auch Therapeuten bei der Diagnose und der Überwachung des Therapieverlaufs unterstützen. In Großbritannien hilft der Chatbot Limbic Access bereits bei der Vermittlung von Therapieplätzen und stellt erste Diagnosen. Dies hat zu einem Anstieg der Selbsteinweisungen um 15 Prozent geführt.
Ein weiteres Beispiel ist ein Projekt der Universität Basel, bei dem ein KI-Modell Emotionen in Videositzungen analysiert und die Wahrscheinlichkeit eines Therapieabbruchs berechnet. Derzeit ist die Emotionserkennung in der EU noch eingeschränkt, aber die rechtlichen Rahmenbedingungen könnten sich in der Zukunft ändern, wie Ulrich Reininghaus vom Mannheimer Zentralinstitut für Seelische Gesundheit erläutert.
Wann wird KI in der Psychotherapie Realität?
Laut KI-Forscher Janik Fechtelpeter steht die KI-gestützte Psychotherapie noch am Anfang. „Das Entwicklungspotenzial ist enorm“, sagt Fechtelpeter, „aber wie genau KI in der Psychotherapie eingesetzt wird, hängt von der künftigen rechtlichen Situation ab.“
Testnutzerin Katharina Koch sieht bereits heute die Vorteile von KI-Apps: „Der direkte Zugriff auf Übungen über das Handy ist ein großer Vorteil.“ Experten erkennen die Chance, dass KI-Anwendungen dazu beitragen könnten, die Lücken zwischen Therapiesitzungen zu schließen und die Verhaltensänderung im Alltag zu unterstützen. Ob und wie genau KI diese Unterstützung bieten wird, bleibt abzuwarten. Psychiater Bähner ist optimistisch: „In zehn Jahren könnten wir Entwicklungen sehen, die wir uns jetzt noch nicht vorstellen können.“
Fazit
Die Integration von KI in die Psychotherapie bietet spannende Perspektiven und könnte in der Zukunft eine wichtige Rolle spielen. Derzeit stehen wir noch am Anfang dieses Prozesses, und die rechtlichen und technologischen Hürden sind nicht zu unterschätzen. Dennoch zeigt die aktuelle Forschung, dass KI das Potenzial hat, die psychische Gesundheitsversorgung zu revolutionieren, indem sie die Therapieerfahrung ergänzt und den Zugang zu Unterstützung im Alltag verbessert.
