In der Welt der Kinderliteratur sind Geschlechterklischees oft allgegenwärtig. Doch wie stark prägen sie die Inhalte der beliebten Geschichten, die unseren Kleinsten vorgelesen werden? Statistikerinnen Laura Vana-Gür von der Technischen Universität Wien und Camilla Damian von der Vrije Universiteit Amsterdam haben ein Modell entwickelt, das mithilfe künstlicher Intelligenz (KI) Gender-Klischees in Kinderbüchern aufdecken soll, ohne dabei selbst Stereotype zu entwickeln.
Das von den beiden Wissenschaftlerinnen entwickelte KI-Tool soll Kinderliteratur auf Geschlechterklischees hin untersuchen und einen Score zwischen 0 und 1 vergeben, um Verlegerinnen, pädagogische Fachkräfte und Eltern über das Ausmaß des Gender Bias aufzuklären und für das Thema zu sensibilisieren. Je höher der Score, desto stärker wurden geschlechtsbezogene Verzerrungen in der untersuchten Literatur festgestellt.
Die Statistikerinnen legten großen Wert darauf, dass ihr Tool transparent und nachvollziehbar arbeitet, ohne selbst in Gender-Bias zu verfallen. Sie stützten sich auf Studien aus Soziologie, Psychologie und Pädagogik, um die Einflüsse von Geschlechterklischees auf die Entwicklung von Kindern zu verstehen. Anhand dieser Erkenntnisse analysierten sie manuell Kinderliteratur und sammelten Faktoren, die auf geschlechterspezifische Klischees hinweisen.
Für das Natural Language Processing (NLP), die natürliche Sprachverarbeitung, suchten sie nach passenden Werkzeugen, um die identifizierten Kategorien aus den Texten herauszufiltern. Das war keine einfache Aufgabe, da existierende Algorithmen hauptsächlich auf Nachrichten trainiert waren und sich weniger für Bücher eigneten. Ihr Tool trainierten sie daher mit einer Sammlung frei zugänglicher Geschichten ohne Urheberrechtsschutz, um Klischees in Werken wie „Alice im Wunderland“ oder „Rapunzel“ zu identifizieren.
Die Wissenschaftlerinnen betonen, dass ihr Ziel nicht darin besteht, klassische Werke zu verurteilen, sondern für mehr Bewusstsein zu sorgen. Geschlechterstereotype, die sich bereits früh in der Kindheit herausbilden, können langfristige Auswirkungen auf die Entwicklung von Kindern haben. Das KI-Tool soll dabei helfen, fundierte Entscheidungen zu treffen und eine differenzierte Betrachtung von Kinderliteratur zu fördern.
Obwohl das Tool bisher hauptsächlich ältere Kinderbücher untersucht hat, weisen Studien darauf hin, dass auch neuere Werke weiterhin problematische Darstellungen enthalten können. Das Thema Geschlechterklischees in Kinderbüchern ist daher nach wie vor relevant und erfordert eine kontinuierliche Auseinandersetzung und Sensibilisierung.