Die Verhandlungen der EU-Staaten über die Chatkontrolle sind festgefahren. Ein internes Verhandlungsprotokoll enthüllt, dass es den Staaten weiterhin nicht gelingt, sich auf eine gemeinsame Position zu einigen. Die belgische Ratspräsidentschaft sieht sich bereits in der Zwickmühle und zweifelt selbst daran, eine Einigung herbeiführen zu können.
Die Chatkontrolle spaltet die EU: Die Kommission drängt darauf, dass Internetdienste die Inhalte ihrer Nutzer auf Straftaten durchsuchen und verdächtige Inhalte an die Behörden melden. Das Parlament bezeichnet diesen Vorschlag als Massenüberwachung und fordert, nur unverschlüsselte Inhalte von Verdächtigen zu scannen.
Seit zwei Jahren streiten die EU-Staaten über diese Frage, und eine Einigung ist nicht in Sicht. Einige Länder unterstützen den Vorschlag der Kommission, während andere eher die Position des Parlaments bevorzugen. Letzte Woche verhandelte der Rat erneut in der Arbeitsgruppe Strafverfolgung, doch das Ergebnis ist ernüchternd. Das Protokoll dieser Sitzung gibt Einblick in die verfahrenen Verhandlungen.
Anlasslos und massenhaft
Die EU-Kommission möchte Internetdienste verpflichten, sämtliche Nutzer anlasslos zu durchsuchen. Doch der Juristische Dienst des Rats hält diese allgemeine und unterschiedslose Chatkontrolle für illegal. Das EU-Parlament hingegen besteht darauf, dass ein Anfangsverdacht vorliegen muss.
Die belgische Ratspräsidentschaft schlägt vor, weiterhin alle Nutzer zu überwachen und bekannte strafbare Kinderpornografie sofort an ein EU-Zentrum zu melden. Unbekannte Kinderpornografie und Grooming sollen jedoch erst ab einem bestimmten Grenzwert gemeldet werden. Doch die Niederlande kritisieren in jeder Verhandlungsrunde, dass diese Inhalte nicht präzise genug erkannt werden können.
Laut dem Vorschlag sollen Diensteanbieter Inhalte erkennen und ab dem zweiten Hit ausleiten, aber vom ersten Hit nichts erfahren. Doch wie das technisch funktionieren soll, bleibt unklar. Belgien hat diese Geheimhaltung jetzt aus „technischen Gründen“ aufgehoben. Frankreich ist jedoch der Meinung, dass es dem Digital-Dienste Gesetz widerspricht, wenn Anbieter von Straftaten wissen, diese aber nicht melden.
Der aktuelle Vorschlag findet unter den EU-Staaten keine Mehrheit. Einige Staaten fordern, alle Nutzer zu scannen und Inhalte ab dem ersten Verdacht auszuleiten, darunter Bulgarien, Irland und Estland. Andere Staaten lehnen eine anlasslose und massenhafte Chatkontrolle aller Nutzer ab, darunter Österreich.
Verschlüsselt oder nicht?
Die EU-Kommission möchte, dass Internetdienste auch verschlüsselte Inhalte ihrer Nutzer durchsuchen, zum Beispiel mit Client-Side-Scanning. Doch Hunderte Wissenschaftler kritisieren das als unsicher und gefährlich. Das EU-Parlament hingegen möchte verschlüsselte Inhalte von der Chatkontrolle ausnehmen.
Die Ratspräsidentschaft liefert keine klare Antwort auf diese zentrale Frage. Sie will Verschlüsselung gleichzeitig schützen und brechen. Wie das technisch funktionieren soll, ist unklar. Belgien hat sogar eine Definition von Ende-zu-Ende-Verschlüsselung aus seinem aktuellen Vorschlag gestrichen, was von den Niederlanden kritisiert wird.
Beim Streit um Verschlüsselung ist also weiterhin keine Einigung in Sicht. Einige Staaten wollen verschlüsselte Inhalte scannen, darunter Spanien, Rumänien und Irland. Andere Staaten wollen verschlüsselte Inhalte schützen, darunter Deutschland, Polen und Österreich.
Alter und Ausnahmen
Auch in anderen Bereichen machen die Verhandlungen keine Fortschritte. Um Grooming zu erkennen, müssen Anbieter das Alter ihrer Nutzer kennen. Doch Frankreich weist darauf hin, dass noch keine ausgereiften Technologien zur Verfügung stehen, um dies sicherzustellen.
Die belgische Ratspräsidentschaft schlägt vor, Geheimdienste, Polizei und Militär von der Chatkontrolle auszunehmen. Doch Frankreich hat „zahlreiche Fragen zur praktischen Umsetzung“ dieses Vorschlags.
Jetzt schlägt Belgien sogar vor, „vertrauliche Informationen, einschließlich Verschlusssachen, unter das Berufsgeheimnis fallende Informationen und Geschäftsgeheimnisse“ von der Chatkontrolle auszunehmen. Dies verdeutlicht, dass Chatkontrolle und Client-Side-Scanning vertrauliche Kommunikation gefährden. Ob sich die Staaten auf diese Ausnahmen einigen können, ist fraglich.
Belgien bald gescheitert
Es ist nicht erkennbar, wie überhaupt eine Einigung aussehen soll. Die Fronten sind verhärtet. Einige Staaten wollen eine möglichst umfassende Chatkontrolle, andere eine möglichst begrenzte. Manche Staaten bezweifeln bereits, ob Belgien überhaupt noch eine Einigung herbeiführen kann.
Bereits am Tag nach der Verhandlung wurde klar:
Die EU-Staaten haben über die Chatkontrolle verhandelt, aber eine Einigung ist nicht in Sicht. Eine qualifizierte Mehrheit der Staaten kann dem letzten Kompromissvorschlag nicht zustimmen. Die belgische Ratspräsidentschaft muss sich etwas Neues überlegen. Die nächste Sitzung ist wohl erst in drei Wochen.
Das Protokoll bestätigt diese Einschätzung. Die EU-Staaten haben immer noch keine der wesentlichen Fragen gelöst. In den Worten der Ratspräsidentschaft: „Insgesamt gibt es derzeit noch keine ausreichende Unterstützung für eine allgemeine Ausrichtung.“
Wie es aussieht, muss sich Belgien nach vier Monaten etwas Neues einfallen lassen. Zwei Monate haben sie noch, dann geht die Präsidentschaft an Ungarn. Am 8. Mai verhandelt die Arbeitsgruppe erneut.