Nach knapp drei Jahren intensiver Diskussion hat das Europäische Parlament der eIDAS-Reform zugestimmt, einem wegweisenden digitalpolitischen Projekt der Europäischen Union. Mit großer Mehrheit wurde heute die Einführung der „European Digital Identity Wallet“ (ID-Wallet) beschlossen. Bürgerrechtsorganisationen äußern weiterhin Bedenken bezüglich des Missbrauchspotenzials und fordern klare Normen für die technische Umsetzung.
Die Reform sieht vor, dass bis zum Herbst 2026 alle EU-Mitgliedstaaten ihren Bürgern eine freiwillige „European Digital Identity Wallet“ anbieten müssen. Diese digitale Brieftasche ermöglicht es den Bürgern, sich sowohl online als auch offline in nahezu allen Lebensbereichen auszuweisen.
In der Plenardebatte argumentierte Romana Jerković, die Berichterstatterin des Parlaments, dass die ID-Wallet eine praktische und datenschutzfreundliche Alternative zu den Identifizierungsangeboten großer Tech-Konzerne darstelle. Thierry Breton, EU-Kommissar für Binnenmarkt, bezeichnete die Reform sogar als eine „Revolution“, die einen digitalen europäischen Binnenmarkt erst möglich mache.
Die Nutzung der ID-Wallet ist freiwillig und kostenfrei. Bürger, die sich dagegen entscheiden, sollen keine Nachteile haben. Diejenigen, die die Wallet nutzen, haben die Kontrolle darüber, welche Daten an „vertrauenswürdige Parteien“ weitergegeben werden, sei es Unternehmen oder öffentliche Einrichtungen. Diese Parteien müssen sich registrieren und ihre Datensammlungszwecke transparent darlegen.
Die Reform sieht vor, dass verschiedene Identifikationsvorgänge nicht miteinander verknüpft werden dürfen. Zum Beispiel kann ein Unternehmen, das mit der ID-Wallet das Alter einer Person überprüft, diese Informationen nicht für andere Zwecke nutzen, wie das Tracking des Kaufverhaltens.
Die Reform vermeidet eine dauerhafte Personenkennziffer für alle EU-Bürger, stattdessen sollen eindeutige Identifizierungsnummern nur bei grenzüberschreitenden Verwaltungsdiensten verwendet werden. Die Wallet-Nutzer können zwischen der Offenlegung ihrer persönlichen Daten, der Verwendung eines Pseudonyms oder eines „Zero Knowledge Proof“ wählen, je nach Anwendungsfall.
Kritiker, wie Thomas Lohninger von epicenter.works, warnen jedoch vor einem möglichen Missbrauchspotenzial und einer potenziellen Online-Überwachung der Bürger. Patrick Breyer, EU-Abgeordneter der Piratenpartei, bemängelt, dass die Reform nicht genug Schutz vor einer umfassenden Identifizierung bietet.
Die Reform muss noch vom Rat der Europäischen Union endgültig zugestimmt werden, was als reine Formalität betrachtet wird. Die EU-Kommission muss bis zum Sommer Leitlinien für die technische Umsetzung des eID-Systems vorlegen. Kritiker planen, diese Entwicklungen genau zu beobachten und auf die Einhaltung von Datenschutzprinzipien zu drängen.